Eine vorläufige Einleitung
Was der rechte Glaube ist, war in den Zwanzigerjahren des fünften Jahrhunderts durch das Bekenntnis von Nizäa (325) definiert.1 Das Nizänum war vor allem mit dem Ziel formuliert worden, die volle Gottheit des Sohnes zu betonen. Der zweite Artikel des Symbols, der die Merkmale des Sohnes bestimmt, hat ein durchgängiges präpositionales Objekt, dem die verschiedenen Glaubensinhalte zugeordnet werden. Dieses wird zunächst als der ‚eine Herr Jesus Christus‘ eingeführt, dann als ‚aus dem Vater gezeugter Sohn‘ beschrieben und bald darauf als ‚wahrer Gott von wahrem Gott‘ und als ‚wesensgleich‘ mit dem Vater prädiziert. Im weiteren Verlauf wird von ihm aber auch ausgesagt, dass er ‚um unserer Rettung willen herabgestiegen‘ sei, ‚Fleisch und Mensch geworden‘ sei, ‚gelitten‘ habe, ‚auferstanden‘ und ‚zu den Himmeln aufgestiegen‘ sei.2 Das als ‚Herr Jesus Christus‘ bezeichnete Objekt des Glaubens umfasst also sowohl Eigenschaften, die – wie die Homousie mit dem Vater – eigentlich nur Gott zugeschrieben werden können, als auch solche, die – wie das Leiden – nach damaligem Verständnis nur einem Menschen attestiert werden können. In ihm lässt sich somit Göttliches und Menschliches finden. Der Text legt aber nicht genauer fest, in welchem Verhältnis diese beiden Bereiche zueinander stehen. Hier bietet er großen Raum für Interpretationen.3
Am zehnten April des Jahres 428 wurde Nestorius zum neuen Bischof von Konstantinopel gewählt. Er stammte aus der Stadt Germanicia in der römischen Provinz Syria und war somit ein Auswärtiger. Mit Philipp von Side und Proklos von Kyzikos hatte es auch zwei potentielle Kandidaten für das Amt gegeben, die sich schon in der Stadt etabliert hatten und jeweils über eine große Anhängerschaft unter ihren Bürgern und Klerikern 4 Vielleicht waren es aber auch gerade die aus einer solchen Faktionierung resultierenden Probleme, die dazu führten, dass schließlich ein Mann von außerhalb in das Amt berufen wurde.5 Jedenfalls hatte es sich der neue Mann auf dem Bischofsthron offenbar von Anfang an auf die Fahnen geschrieben, die Hauptstadt des östlichen Reiches von den dort grassierenden Häresien zu reinigen, und ging diesem Vorsatz schon unmittelbar nach seinem Amtsantritt auch entschlossen nach.6
Diesem Streben, den rechten Glauben durchzusetzen, das sich schon in den Anfängen zeigt, ist es sicherlich auch zuzuschreiben, dass Nestorius zu einer der beiden Galionsfiguren einer christologischen Kontroverse wurde, die ihn schon nach drei Jahren wieder das Amt kosten sollte und schließlich im Exil enden ließ. Wie es im Detail zu dieser Debatte kam, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit bestimmen. Folgt man seinem eigenen Bericht,7 den er allerdings erst im Nachhinein verfasst hat, fand er in Konstantinopel zwei Parteien vor, die im Streit darüber lagen, wie man Maria, die Mutter Jesu, am besten benennen solle. Die einen, die anscheinend in dem Ruf standen, Manichäer zu sein, von Nestorius selbst aber offenbar auch mit den Apolinaristen assoziiert wurden, wollten sie ‚Mutter Gottes‘ (θεοτόκος)8 nennen. Die anderen, die als Anhänger des als Häretiker verurteilten Photin von Sirmium betrachtet wurden, plädierten für die Bezeichnung ‚Menschenmutter‘ (ἀνθρωποτόκος).9 Nestorius unterzog die beiden Parteien dann seinem Bekunden nach einer Befragung, in deren Rahmen er schließlich feststellte, dass auf keiner der Seiten wirklich häretische Meinungen vertreten wurden und es sich bei dem Streitpunkt vornehmlich um ein begriffliches Problem handele. Vor diesem Hintergrund will er dann als gleichsam in der Mitte liegende und durch die neutestamentlichen Schriften ausreichend abgesicherte Alternative den Begriff ‚Mutter Christi‘ (χριστοτόκος) vorgeschlagen haben. Dieser sei dann von beiden Seiten akzeptiert worden, und es habe Ruhe in dieser Frage geherrscht, bis einige, die ‚nach dem Episkopat trachteten‘, diese beendeten.10
Ob diese Schilderung den Tatsachen entspricht, ist durchaus zweifelhaft. Der Kirchenhistoriker Sokrates beschreibt die Anfänge der Streitigkeiten zum Beispiel in einer Weise, die dem Bericht des Nestorius zwar nicht direkt widerspricht, sich aber auch nicht ohne Weiteres mit ihm harmonisieren lässt. Er berichtet, dass ein Presbyter namens Anastasios, der im Gefolge des Nestorius aus Antiochia nach Konstantinopel gekommen sei, in der Kirche als Lehre verkündet habe: „Niemand darf Maria Gottesgebärerin nennen. Es ist nicht möglich, dass Gott von einem Menschen geboren wird.“11 Daraufhin soll sowohl unter Laien als auch unter Klerikern eine allgemeine Unruhe ausgebrochen sein. Nestorius habe sich dann im Nachgang darum bemüht, die Aussage seines Untergebenen, den er nicht dem Vorwurf der Blasphemie preisgeben wollte, abzusichern, indem er dieses Thema in der Kirche häufig bei seinen Predigten aufgriff, und dabei den Begriff ‚Gottesgebärerin‘ in ausführlichen Erörterungen verdammte. Sokrates berichtet also nicht davon, dass Nestorius in einer schon existenten Streitfrage als Vermittler aufgetreten sei (und diesen Streit zumindest vorübergehend hätte schlichten können), sondern sieht den Ursprung des Konfliktes ganz klar bei dem Presbyter Anastasios. Dessen Aussage läuft im Umkehrschluss bemerkenswerterweise darauf hinaus, dass man Maria eigentlich als ‚Menschengebärerin‘, also als ἀνθρωποτόκος bezeichnen müsste. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund interessant, dass jüngere Untersuchungen dargelegt haben, dass die Verwendung des Begriffes ἀνθρωποτόκος vor der Ankunft des Nestorius in Konstantinopel nicht nachweisbar ist. Es ist daher auch gut möglich, dass der Begriff erst durch Gefolgsleute des Nestorius in die Stadt importiert und auf diese Weise zum Anlass für Auseinandersetzungen wurde.12
Erwähnenswert im Zusammenhang mit dem Bericht, den Nestorius in seinem Liber Heraclidis gibt, ist weiterhin die sogenannte Contestatio des Eusebius von Dorylaeum (CV18).13 In dieser kurzen, aber folgenreichen Schrift, die ihrer Intention nach14 und höchstwahrscheinlich auch in Wirklichkeit eine weite öffentliche Verbreitung fand, stellt Eusebius Aussagen, die von Nestorius getätigt worden sind, Äußerungen gegenüber, die er dem im Jahre 268/269 in Antiochia als Häretiker verurteilten Paulus von Samosata zuschreibt, und kommt dabei zu dem Schluss, dass beide dasselbe aussagen. Die Contestatio enthält, wenn man sich nach den Rekonstruktionen von Friedrich Loofs richtet, Exzerpte aus vier Predigten, die Nestorius verfasst hat. Zwei davon propagieren eindeutig bereits den im Liber Heraclidis als friedensstiftenden Kompromiss beschriebenen χριστοτόκος-Begriff.15 Es lässt sich nun leider nicht ermitteln, wann genau die Contestatio in Umlauf gebracht wurde. Einiges spricht dafür, dass dies schon im Jahre 428 geschah. Es muss jedoch spätestens im Frühjahr 429 erfolgt sein.16 In jedem Fall handelt es sich aber um ein Dokument aus der Frühphase der Streitigkeiten. Wenn Eusebius darin also aus Predigten zitiert, die schon den von Nestorius etablierten Kompromissbegriff beinhalten, kann die Phase der Ruhe, die durch ihn eingetreten sein soll, auf keinen Fall von langer Dauer gewesen sein.
Es kann und soll hier aber nicht geklärt werden, worin nun genau der Auslöser für den Konflikt lag. An dieser Stelle erscheint es wichtiger, den weiteren Verlauf der Streitigkeiten noch näher zu betrachten. In dem oben grob abgesteckten Zeitrahmen trat nämlich erstmals auch der zweite große Wortführer der Streitigkeiten, Kyrill von Alexandria, auf den Plan. Zunächst bezog er in seinem Osterbrief des Jahres 429, welcher vermutlich gegen Ende des vorangegangenen Jahres verfasst wurde,17 Stellung zu der Kontoverse um die richtige Benennung Mariens. Innerhalb des Briefes verweist Kyrill weder in klar erkennbarer Form auf Nestorius, noch verwendet er überhaupt den in Diskussion stehenden Begriff θεοτόκος. Er liefert jedoch eine ausführliche Christologie, die einen klaren Schwerpunkt auf der Betonung der Einheit des inkarnierten göttlichen Logos mit dem von Maria geborenen Menschen hat.18 Zudem weist er auch ausdrücklich darauf hin, dass man die Mutter dieses geeinten Wesens mit Fug und Recht als ‚Mutter Gottes‘ (μήτηρ θεοῦ) bezeichnen könne.19 Liest man den Osterbrief in seinem geschichtlichen Kontext, wirkt er also wie eine eindeutige Stellungnahme innerhalb der laufenden Debatte. Liest man ihn hingegen für sich, weist nur wenig darauf hin, dass sich Kyrill mit seinen Ausführungen an einer Diskussion beteiligt, die gerade lebhaft und kontrovers geführt wird. Es lässt sich weder ein aktueller Anlass für den christologischen Exkurs ausmachen, noch lässt sich ohne Weiteres erkennen, dass mit diesem ein konkreter Gegner, also eine identifizierbare zeitgenössische Person, anvisiert wird.20
Dies ändert sich mit dem ‚Brief an die ägyptischen Mönche‘ (CV1), den Kyrill im Frühjahr 429 verfasst haben dürfte.21 Zwar wird Nestorius auch darin nicht namentlich erwähnt, aber der Bischof von Alexandria gibt einen klar definierten Grund dafür an, warum er sich in einem Schreiben an die in seinem Verantwortungsbereich ansässigen Mönche wendet:22 Ihm sei zu Ohren gekommen, dass ‚gefährliche Schwätzereien‘ die Adressaten erreicht hätten und gewisse Leute umherzögen, die deren ‚einfachen Glauben‘ zermürbten, indem sie sie in inhaltsleeren Reden befragten, ob man die heilige Jungfrau nun Gottesgebärerin nennen dürfe oder nicht.23 Es wird also von vornherein deutlich, dass es hier um ein aktuelles Problem geht. Darüber hinaus nimmt der Brief an einigen Stellen konkret und klar erkennbar auf die Christologie Nestorius’ Bezug. So verwendet Kyrill beispielsweise in einem Abschnitt, in dem er aufzeigen will, dass ‚Christus‘ kein exklusiv auf den Inkarnierten, den Immanuel24, anzuwendender Titel sei, den Begriff ‚Christusgebärerin‘.25 Diesen hatte ja Nestorius seiner eigenen Darstellung nach als Kompromiss in der ihm angetragenen Streitfrage vorgeschlagen, und da er vor den Streitigkeiten nicht belegt ist, spricht vieles dafür, dass er tatsächlich auch von ihm geprägt wurde. Auch wenn Kyrill sich, wie er es auch sonst häufig tut, in seiner Argumentation des Mittels der Prokatalepsis bedient und mögliche gegnerische Einwände vorwegnimmt, muten diese zum Teil wie Paraphrasen von Aussagen an, die Nestorius in vermutlich damals schon in Umlauf befindlichen Predigten formuliert hatte.26 Die Zielrichtung von Kyrills Ausführungen ist nunmehr eindeutig bestimmbar geworden.
Der ‚Brief an die ägyptischen Mönche‘ blieb nicht lange auf den Kreis seiner nominellen Adressaten beschränkt. Schon bald gelangte er auch nach Konstantinopel, was bei Nestorius offenbar beträchtlichen Unmut auslöste.27 Ungefähr zu dieser Zeit hatte man anscheinend, auch wenn Näheres im Dunkeln bleibt, in Rom bereits Notiz von den Schriften des Nestorius genommen, diese als anstoßerregend eingestuft und sich auf der Suche nach Rat an Kyrill gewandt.28 Gegen Kyrill stand auf der anderen Seite eine Anklage im Raum, deren genauer Inhalt leider unklar ist, die aber auf jeden Fall von einigen Alexandrinern erhoben worden war und deren Verhandlung pikanterweise Nestorius übernehmen sollte.29 Der Konflikt weitete sich aus, die Situation spitzte sich zu. Kyrill reagierte mit einer überaus produktiven schriftstellerischen Tätigkeit. Er wandte sich beispielsweise schon bald direkt an Nestorius, den er in zwei Briefen (CV230 u. CV431) dazu zu bewegen suchte, seine Haltung zum θεοτόκος-Titel zu revidieren. Beide Briefe wurden ablehnend beantwortet (CV332 u. CV533). Er verfasste eine umfangreiche Streitschrift (CV166)34, in welcher er zahlreiche Exzerpte aus den Predigten seines Opponenten anführte, um diesen dann seine eigenen christologischen Thesen gegenüberzustellen. Er nahm nun seinerseits Kontakt zu Coelestin, dem Bischof von Rom, auf (CV144)35 und bat diesen dabei um eine verbindliche Stellungnahme, wie man sich angesichts der Umtriebe des Nestorius verhalten solle. Schließlich richtete er auch gleich drei längere, unterschiedlich adressierte Schriften an das Kaiserhaus (CV736, CV14937, CV15038), um den Kaiser selbst und die Frauen in dessen unmittelbarer Umgebung von seinen christologischen Positionen zu überzeugen.39
Nicht zuletzt Kyrills Bemühungen, das Kaiserhaus für sich zu gewinnen, machen deutlich, dass die Diskussion um die korrekte Titulierung Mariens und die damit zusammenhängenden christologischen Implikationen schon längst keine rein kirchliche Angelegenheit mehr war – sie waren zu einem Politikum geworden. So sah sich Theodosius schließlich genötigt, eine Synode von Bischöfen aus allen Teilen des Reiches einzuberufen, um die aufgeworfenen Fragen verbindlich und ordnungsgemäß klären zu lassen.40 Das Einladungsschreiben (CV 25) datiert auf den 19. November 430. Alle vorherigen Beschlüsse, die eventuell in kleineren Gremien getroffen worden waren, waren damit außer Kraft gesetzt.41 Die Synode sollte in der kleinasiatischen Stadt Ephesus zusammentreten. Als Termin wurde das Pfingstfest des folgenden Jahres, der 7. Juni 431, festgesetzt.42
Das auf diese Weise einberufene Konzil von Ephesus verlief gewiss nicht so, wie der Kaiser es sich gewünscht hatte. Die geplante Vollversammlung kam nie zustande. Am 22. Juni 431 trat eine Synode von mehr als 150 Bischöfen unter der Leitung Kyrills zusammen, verurteilte Nestorius in dessen Abwesenheit und setzte ihn ab.43 Vier Tage später trafen schließlich die Angehörigen der Delegation der östlichen Bischöfe, welche Nestorius christologisch nahe standen, sich aber verspätet hatten, in der Stadt ein, hielten ihrerseits eine Synode ab und verurteilten im Gegenzug Kyrill und Memnon, den Bischof von Ephesus.44 Es fanden noch weitere separate Sitzungen statt, doch im Herbst des Jahres wurde das Konzil durch Theodosius offiziell wieder aufgelöst, ohne dass eine Einigung erzielt worden wäre.45 Diese kam dann schließlich ungefähr anderthalb Jahre später in Form eines Kompromisses zustande, der zwischen Johannes, dem Bischof von Antiochia und geistigen Oberhaupt der östlichen Delegation, und Kyrill ausgehandelt worden war.46 Doch auch die sogenannte Unionsformel von 433 brachte keine endgültige Ruhe. Sie musste auf beiden Seiten gerechtfertigt werden.47 Erst 28 Jahre später, auf dem Konzil von Chalkedon, sollte die Frage nach dem Verhältnis des Göttlichen und des Menschlichen in Christus durch einen ordnungsgemäßen synodalen Beschluss zumindest in dogmatischer Hinsicht geklärt werden.48
Dessen ungeachtet ist das Konzil von Ephesus als drittes der sogenannten ökumenischen Konzilien das erste dieser Reihe, von dem uns in größerem Umfang Akten überliefert sind. Es handelt sich bei dieser Überlieferung jedoch um keine einheitliche Sammlung, über die sich der Ablauf der Verhandlungen in seiner chronologischen Ordnung durch eine einfache, lineare Rezeption des Materials erschließen ließe. Die Akten sind vielmehr in einer Anzahl verschiedenartiger Sammlungen auf uns gekommen, die jeweils unter eigenen Auswahlkriterien und nach eigenen Ordnungsprinzipien zusammengestellt worden sind.49 In ihrer Gesamtheit betrachtet bieten sie Zeugnisse, aus denen sich die oben skizzierte Ereigniskette – von den Anfängen der Streitigkeiten bis zu ihren Nachwehen – zu weiten Teilen rekonstruieren lässt. Darüber hinaus enthalten sie aber auch Dokumente, die nur in einem eher losen und zuweilen auch nicht immer auf Anhieb durchschaubaren Zusammenhang mit dem Konzilsgeschehen stehen. Die Akten wurden in den Jahren 1923–29 von Eduard Schwartz in einer epochalen, bis heute maßgeblichen Ausgabe ediert. Sie bilden den ersten Großband (Tomus) der bis heute fortgesetzten Reihe der Akten zu den Ökumenischen Konzilen (Acta Conciliorum Oecumenicorum; ACO). Dieser Großband umfasst fünf Teilbände (Volumina), von denen der erste, der nicht zuletzt wegen seines Umfangs wiederum in acht Faszikel aufgeteilt ist, griechischsprachige Dokumente enthält, während sich in den vier übrigen Bänden vornehmlich Dokumente in lateinischer Sprache finden.
Schwartz orientierte sich bei seiner Edition an der Überlieferung. Er gab die Akten im Kontext der Sammlungen, denen sie angehören, heraus und behielt dabei deren interne Ordnung bei. Dieses Vorgehen ist zwar philologisch betrachtet über jeden Zweifel erhaben, bereitet dem Rezipienten, der die Abläufe der in den Dokumenten festgehaltenen Geschehnisse verfolgen möchte, jedoch erhebliche Probleme. So finden sich zum Beispiel Akten, die inhaltlich und kausal in engem Bezug zueinander stehen, an weit verstreuten Stellen. Der wichtige Bericht der östlichen Bischöfe an den Kaiser (CA48) etwa, in dem die spätere Unionsformel gleichsam schon in einer Rohfassung vorliegt, ist im siebten Faszikel des ersten Volumen abgedruckt.50 Die sacra Theodosius’ (CV93), auf die dieser Bericht antwortet, findet sich hingegen im dritten Faszikel des ersten Volumen.51
Ferner sind zahlreiche Dokumente innerhalb der Ausgabe auch in mehrfacher Überlieferung vorhanden. Bei den griechischen Akten ist Schwartz zwar so verfahren, dass er die Collectio Vaticana als Grundlage nahm, und wenn zum Beispiel dort enthaltene Dokumente in anderen Sammlungen noch einmal auftauchen, diese nicht ein weiteres Mal abdrucken ließ, sondern sie lediglich im Apparat der jeweiligen Entsprechung der zuerst edierten Belegstelle berücksichtigte. Bei den lateinischen Akten aber, die häufig deutlich variierende Übersetzungen griechischer Originale darstellen, edierte er die betreffenden Dokumente auch mehrfach. So findet sich der für den Verlauf der ausgetragenen Streitigkeiten überaus wichtige zweite Brief des Kyrill an Nestorius (CV4), der auf der Sitzung vom 22. Juni für rechtgläubig erklärt wurde, in griechischer Sprache in der Collectio Vaticana, in lateinischer Übersetzung in der Collectio Veronensis, in der Collectio Casinensis, in der Collectio Palatina und in der Collectio Quesneliana.52
Wegen ihrer kaum zu überschätzenden Bedeutung für die Kirchen- und Theologiegeschichte sind die Akten des Konzils von Ephesus und die sie begleitenden Dokumente in Teilen natürlich immer wieder in moderne Sprachen übersetzt und auch kommentiert worden. Die umfangreichste Übertragung (ins Englische) aus älterer Zeit stammt von dem amerikanischen anglikanischen Pfarrer James Chrystal (1832–1908) und wurde in den Jahren 1895–1908 im Eigenverlag publiziert.53 Seine Auswahl nimmt vor allem die eigentlichen Verhandlungen in den Blick. Wichtige Dokumente wurden aber an den Stellen, an denen sie verlesen wurden, eingereiht. Erst jüngst brachten Richard Price und Thomas Graumann eine Kollektion der Akten heraus, welche sie mit einer ebenso ausführlichen wie hilfreichen Einleitung versahen.54 Die einzelnen Dokumente sind annotiert und verfügen zum Teil noch einmal über eigene Einleitungen. Die Ausgabe bietet ausgewählte Materialien, die das Geschehen vor dem Konzil beleuchten, und legt den Schwerpunkt dann auf die Verhandlungen und die sie begleitende Korrespondenz bis zur offiziellen Auflösung des Konzils. Das Nachgeschehen wird schließlich, ohne die betreffenden Dokumente im Text zu präsentieren, in einem kurzen Epilog zusammengefasst. Die Edition ermöglicht einen anschaulichen Überblick über Anlass und Ablauf des Konzils, präsentiert das überaus umfangreiche und vielfältige überlieferte Material aber wie alle übrigen bisherigen Übersetzungen nur in Auszügen.
Mit der hier präsentierten Ausgabe wird nun erstmals eine Übersetzung sämtlicher in Schwartz’ erstem Tomus veröffentlichter Dokumente vorgelegt. Diese werden dabei in einer Anordnung dargeboten, die den Verlauf der Konzilsverhandlungen und die Chronologie der das Konzil umgebenden Ereignisse für den Rezipienten unmittelbar transparent werden lässt.55 Jedes einzelne Dokument wird zudem ausführlich kommentiert. Mehrfach überlieferte Dokumente werden nach Möglichkeit zusammengeführt, relevante Abweichungen unter ihnen kommentiert. Bei Abweichungen, die so tiefgreifend sind, dass sich diese Methode nicht bewährt, wird eine synoptische Präsentation der betreffenden Dokumente geboten. Neben der gedruckten Ausgabe erfolgt außerdem noch eine digitale Veröffentlichung.
Dieser erste, hier vorliegende Band der Ausgabe beinhaltet sämtliche Dokumente, die vor der Einberufung des Konzils durch Kaiser Theodosius II. datieren, sowie die drei Einladungen selbst.56 Es werden noch zwei weitere Bände folgen. Der erste von ihnen soll die eigentlichen Konzilsverhandlungen und die sie begleitenden Geschehnisse umfassen, der zweite dann die Begebenheiten nach der Auflösung des Konzils, also den Weg der Kompromissfindung, die Unionsformel und die anschließenden Diskussionen, die dadurch ausgelöst wurden. Mit dem dritten Band soll dann auch eine ausführliche Einleitung erscheinen, die dieses knappe Provisorium ersetzen wird.
Zur chronologischen Anordnung der Dokumente in Band 1
Die Zeitspanne, aus der die Dokumente des vorliegenden Bandes stammen, umfasst die Jahre von der Ernennung des Nestorius zum Bischof von Konstantinopel (428) bis zur Einberufung des Konzils von Ephesus durch den Kaiser im November 430. Die Schriftstücke geben einen Einblick in die Anfangsphase der christologischen Auseinandersetzungen, die schließlich so eskalierten, dass ein Eingreifen des Kaisers erforderlich war. Doch so klar aus den Dokumenten die historische Entwicklung im Ganzen ersichtlich ist, so schwierig ist im Einzelnen die genaue Rekonstruktion der Reihenfolge der Schriftstücke.57 Nur vergleichsweise wenige Dokumente sind datiert, die Bezüge der übrigen zueinander sind nicht immer so klar und signifikant, dass die Reihenfolge als gesichert gelten kann. Um dennoch eine sinnvolle und nachvollziehbare Ordnung zu gewährleisten, gelten hier wie in den Folgebänden im Einzelnen die folgenden Kriterien, wobei oberste Richtlinie für die Anordnung der Konzilsakten die Reihenfolge ihres Entstehens ist:
– Datierte Dokumente und Schriftstücke, deren Entstehungsdatum aus anderen Quellen bekannt ist oder sich aus dem Inhalt erschließen lässt, wurden grundsätzlich nach dem Entstehungsdatum eingeordnet.
– Undatierte Texte ohne direkten Bezug auf das Konzilsgeschehen, die entweder einer früheren Zeit entstammen oder sich zeitlich nicht einordnen lassen, jedoch für die Argumentation vor, während oder nach dem Konzil herangezogen wurden, sind je nach Sachlage bei dem Dokument untergebracht, in dem sie erwähnt werden, oder aber im Anhang des Bandes, für den sie Relevanz besitzen.
– Undatierte Antwortschreiben und im Schreiben als solche ausgewiesene Begleitdokumente sowie Reaktionen beispielsweise auf Predigten wurden, sofern sie keine Anhaltspunkte für eine genauere Datierung bieten, hinter die Dokumente platziert, auf die sie Bezug nehmen bzw. zu denen sie gehören.
– In den Anhang oder in die Fußnoten wurden auch die Schriftstücke aufgenommen, die spätere Bemerkungen des jeweiligen Herausgebers oder Übersetzers der Textsammlungen, etwa des Diakons Rusticus (6. Jhd.)58,
Als das früheste Zeugnis des christologischen Streites zwischen Kyrill und Nestorius gilt allgemein die Predigt des Nestorius, sermo 9 (CPal20)59, in der er im Jahr 428 erstmals seine Lehre von den zwei Naturen Christi vorstellte.60 Eduard Schwartz61 verweist darauf, dass Kyrill sich bereits im Osterfestbrief für 42962 auf diese Predigt bezieht. Thematisch könnte es sich um eine Weihnachtspredigt handeln. Dann wäre sie am 25. Dezember 428 oder, sofern es in Konstantinopel eine Weihnachtsoktav gegeben hat, in den darauffolgenden Tagen gehalten
Wohl in der zweiten Hälfte desselben Jahres 428 dürfte die allgemein Eusebius von Dorylaeum zugeschriebene Contestatio (CV18)63 entstanden sein. Nachdem Eusebius vergeblich versucht hatte, Nestorius bei einer seiner Predigten zu unterbrechen und einer verkehrten Lehre zu bezichtigen64 – vergeblich, weil es ihm nur kurz gelang, für Unruhe in der Gemeinde zu sorgen, bevor Nestorius das Blatt wieder zu wenden wusste –, verfasste er als Reaktion die Contestatio. In dieser Schrift zeigt Eusebius gedankliche Parallelen zwischen Nestorius und dem als Häretiker verurteilten Paulus von Samosata auf. Ein Hinweis für die Datierung findet sich in den Worten des Eusebius, dass Paulus von Samosata 160 Jahre zuvor von den rechtgläubigen Bischöfen verurteilt worden sei.65 Da dies auf der Synode im Winter 268 geschah, ergibt sich – sofern es sich bei den 160 Jahren um eine exakte Angabe handelt – als frühester Zeitpunkt für die Entstehung der Contestatio das ausklingende Jahr 428.66 In der Forschung wird die Schrift meistens etwas später, nämlich Anfang 429 angesetzt.67 Noch später kann sie jedoch nicht entstanden sein. Bereits Loofs hat zu Recht darauf verwiesen, dass sich schon Cassian in seiner Schrift De incarnatione Domini contra Nestorium68, die vermutlich nicht viel später als Mitte 429 zu datieren ist, auf die Contestatio 69
In die Weihnachtszeit des Jahres 428 gehört wahrscheinlich die Homilia 1 des Proklos von Kyzikos (CV19)70, des späteren Bischofs von Konstantinopel (sed. 434–446). Nachdem Nestorius das Bischofsamt in Konstantinopel übernommen hatte, hielt Proklos anlässlich eines Marienfestes71 diese Predigt in der Hauptkirche von Konstantinopel, in der er die Einheit von Gott- und Menschheit in Christus und Maria somit als Gottesgebärerin pries. Die Datierung72 hängt nicht zuletzt an der Frage, welches Marienfest gemeint ist. Zu denken ist an die Annuntiatio Domini, welche sowohl als Herren- als auch als Marienfest gefeiert wird und in früherer Zeit auch den Jahresbeginn markierte. Ihr Datum ist der 25. März, der sich aus dem Weihnachtsdatum errechnet. In diesem Fall dürfte es sich hier um die früheste Erwähnung dieses Festes handeln.73 Auch die einleitenden Sätze, in denen beschrieben wird, wie Meer und Erde Maria ihre Ehre erweisen,74 könnten auf den Beginn der ‚Reisesaison‘, also auf einen Frühlingstermin hindeuten.75 Es bliebe jedoch problematisch, dass sich ansonsten keine Belege dafür finden, dass dieses Fest schon in dem hier gegebenen Zeitrahmen gefeiert wurde. So gesehen ist es naheliegender, von einem auch anderweitig dokumentierten Fest auszugehen, welches im Rahmen des Weihnachtszyklus gefeiert wurde. Der früheste denkbare Termin hierfür ist Weihnachten 428, der späteste 430. Leena Mari Peltomaa76 macht gegen eine Datierung in das Jahr 430, wie Nicholas Constas sie befürwortet77, u.a. das Argument geltend, dass Nestorius es sicherlich nicht unterstützt hätte, dass Proklos zu einem Zeitpunkt, als Nestorius selbst wegen seines χριστοτόκος-Titels zunehmend in Bedrängnis geraten und die sacra des Kaisers (CV25 [Dok. 42]), mit der er am 19. November 430 das Konzil von Ephesus einberief78, bereits ergangen war, zu diesem Thema in der Hauptstadt predigte. Vor dem Hintergrund des immer weiter eskalierenden Streits erscheint eine Datierung auf das noch vergleichsweise ruhige Jahr 428 als am wahrscheinlichsten.79 Es ist dabei jedoch im Blick zu behalten, dass die Predigt auch später, d.h. bis einschließlich den 25. März 430 gehalten worden sein kann.
Nestorius, der bei der Predigt des Proklos (CV19 [Dok. 3]) zugegen war, reagierte mit sermo 27 (CPal22)80 sofort auf die Worte seines Vorredners. Unter gezielter Bezugnahme auf die Ausführungen des Proklos versuchte er, der Gemeinde deutlich zu machen, warum göttliche und menschliche Natur Christi zu unterscheiden seien.
Kyrill blieb die neuartige Lehre, welche die Bezeichnung θεοτόκος für Maria anzweifelte, nicht lange verborgen. Offenbar wurde die Frage, von der man sicherlich durch ägyptische Mönche, die in Klöstern in Konstantinopel lebten, sowie durch alexandrinische Apokrisiare Kenntnis hatte, auch in Ägypten bereits diskutiert. Kyrill begann nun mit Hilfe seiner Anhänger unter den Mönchen und mittels diverser Schriften, in Konstantinopel gezielt Stimmung gegen Nestorius zu machen.81 Ohne seinen Gegner namentlich zu nennen, wandte sich der Alexandriner bereits im Frühjahr 42982 mit einer umfänglichen Rechtfertigung des θεοτόκος-Titels in einem Brief an die ägyptischen Mönche (CV1)83. Das Schreiben ist mit Sicherheit gleich zu Beginn der Auseinandersetzungen entstanden. Es war schnell in aller Munde, denn Verweise darauf finden sich in vielen der nachfolgend vorgestellten Dokumente. Kyrill selbst bezieht sich bereits in seinem Brief an die Apokrisiare in Konstantinopel (CV22 [Dok. 8]) 84
Nestorius reagierte mit sermo 10 (CPal21)85 auf die Angriffe, die Kyrill im Brief an die Mönche (CV1 [Dok. 5]) gegen ihn formuliert hatte, und widerlegte die Ausführungen seines Gegners, ebenfalls ohne diesen beim Namen zu nennen. Die Predigt ist vor Kyrills Brief an die Apokrisiare (CV22 [Dok. 8]) entstanden, da sie dort Erwähnung findet. Es heißt darin nämlich, dass dem Diakon Buphas Martyrios zwei Schriftstücke zugegangen seien, eines davon ein Quaternio mit einer Predigt (sermo 10), die einen merkwürdigen Titel getragen habe.86 Damit ist für den sermo ebenfalls das Frühjahr 429
Gleichfalls in dieses Frühjahr gehört wohl auch der erste Brief des Nestorius an Coelestin (CVer3)87. Offenbar weil er die Gefahr spürte, die von Kyrill für ihn ausging, und jedenfalls bevor der Alexandriner den Kontakt nach Rom suchte88, wandte sich Nestorius an den Papst, um ihn auf seine Seite zu ziehen. Unter dem Vorwand, er wisse nicht, wie mit den in Konstantinopel anwesenden Pelagianern umzugehen sei,89 die ihn ihrer Rehabilitierung wegen bedrängten, unterbreitete er dem Papst seine Lehre von den zwei Naturen Christi. Ohne Kyrill namentlich zu nennen, wandte er sich in seinen Ausführungen doch klar gegen den θεοτόκος-Titel des Alexandriners. Der Brief muss in diese früheste Phase der Geschehnisse eingeordnet werden90, da Nestorius in seinem zweiten Schreiben an Coelestin (CVer4) versichert, er habe lange und bis dahin vergeblich auf eine Antwort des Papstes auf diesen ersten Brief gewartet.91 Und auch der zweite Brief blieb nach Coelestins eigener Aussage längere Zeit unbeantwortet liegen.92 In seinem ersten Brief an Nestorius (CV2 [Dok. 18]), der vermutlich spätestens Ende 429 verfasst wurde, weiß Kyrill bereits von diversen Schriften (χαρτία), die aus der Feder des Nestorius stammten und auf leider nicht in jedem Fall nachvollziehbare Weise nach Rom gelangt waren.93 Spätestens zu diesem Zeitpunkt müssen Coelestin, wie sich zum Beispiel auch aus einem Vergleich mit De incarnatione Domini contra Nestorium des Johannes Cassian ergibt, CVer3 und weitere Schreiben vorgelegen 94
Durch einen nicht überlieferten Bericht seiner Apokrisiare in Konstantinopel erfuhr Kyrill 429 von den dortigen Umtrieben, die sich gegen ihn richteten und ihren Ausdruck offenbar auch in handfesten Schmähungen fanden. Seine Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Er verfasste ein Antwortschreiben an die Apokrisiare (CV22)95, in dem er Stellung bezog und mahnte, beim rechten Glauben zu bleiben. Gleich zu Beginn seines Briefes zitiert Kyrill eine Äußerung des Presbyters Anastasios96, von der ihm die Apokrisiare berichtet hatten: „Wie er den Mönchen geschrieben hat, so denken wir.“97 Etwas später wird der Brief an die Mönche (CV1 [Dok. 5]) noch ein zweites Mal erwähnt. Wie im Zusammenhang mit sermo 10 des Nestorius (CPal21 [Dok. 6]) bereits angesprochen98, heißt es nämlich im Folgenden, dass dem Diakon Buphas Martyrios zwei Schreiben zugegangen seien. Eines davon stamme möglicherweise von Photios und richte sich gegen den Brief an die Mönche.99 CV1 (Dok. 5) war somit zum Zeitpunkt des Entstehens des Schreibens an die Apokrisiare bereits Gegenstand heftiger
Auf die Anfeindungen gegen ihn geht Kyrill auch in einem Brief an einen Eiferer des Nestorius (CV20)100 ein. Kyrill verteidigt hier sein rigoroses Vorgehen gegen den Irrglauben, der von Konstantinopel aus um sich zu greifen beginne. Dabei seien keineswegs die gegen ihn selbst gerichteten Schmähungen die Triebfeder. Vielmehr gehe es ausschließlich um die Bewahrung des rechten Glaubens. Einziger Anhaltspunkt für die Datierung dieses Dokumentes sind die erwähnten gegen Kyrill gerichteten Umtriebe in Konstantinopel, von denen er auch schon in seinem Brief an die Apokrisiare (CV22 [Dok. 8]) gesprochen hatte.
Auch in einem weiteren Schreiben an seine Ankläger (CV21)101 verteidigt Kyrill sein entschiedenes Handeln gegen Nestorius. Ausgangspunkt für seine Ausführungen ist der Anstoß, den Nestorius dem Vernehmen nach an dem Brief an die Mönche (CV1 [Dok. 5]) nahm.102 Neu ist hier die Erwähnung eines Zwischenfalls, der sich offenbar erst in jüngerer Zeit ereignet hatte, nämlich die öffentliche Äußerung des Dorotheos von Markianopolis, jeder, der Maria eine Gottesgebärerin nenne, solle verdammt sein, ein Ausspruch, der von Nestorius ausdrücklich gebilligt worden sei.103 Über die Äußerung des Dorotheos klagt Kyrill auch in seinem Brief an Akakios von Beroia (CV16)104. Wieder einmal setzt er sich in seinen Ausführungen für die Betitelung Marias als θεοτόκος ein, wobei auch sein Brief an die Mönche (CV1 [Dok. 5]) und die Umtriebe gegen ihn in Konstantinopel nicht unerwähnt 105
Die Antwort aus Beroia (CV17)106 fiel nicht ganz im Sinne Kyrills aus. Akakios äußert sich ablehnend in Bezug auf den θεοτόκος-Titel, zeigt sich aber kompromissbereit. Er rät, die Sache mit Bedacht anzugehen, um eine Kirchenspaltung zu vermeiden, und erwähnt zudem, dass Kyrills Schreiben auch zur Kenntnis des Johannes von Antiochia gelangt sei, der ebenfalls ein besonnenes Vorgehen in dem Streit anmahne.
Spätestens in das Jahr 429 gehören auch die sermones 20, 28, 29 und 30 des Nestorius (CPal31–34)107. Bei den Predigtauszügen handelt es sich um gegen den Pelagianismus gerichtete Äußerungen des Nestorius. In seiner Einleitung zu diesen Predigten (CPal30)108 sagt Marius Mercator, dass Nestorius CPal31 (Dok. 13) als erste von mehreren Predigten zu diesem Thema gehalten habe, nachdem er Julian von Eclanum während dessen Aufenthalt in Konstantinopel habe predigen hören.109 Die Texte bieten nur wenige konkrete Anhaltspunkte für eine Datierung, gehören aber sicherlich in die erste Zeit des Nestorius als Bischof von Konstantinopel, als er sich als vehementer Verfolger aller Häresien zu profilieren suchte.110 In sermo 20 (CPal31) finden sich zwei Hinweise für eine Datierung. So heißt es zum einen: „[…] nehme ich jene Wonne, die mir durch euch zuteil wird, entgegen, mit der ich sehe, dass euch, die ihr euch in Bezug auf die göttlichen Dinge anstrengt, eine solche Freude erfasst, die nicht im Kreislauf so vieler Festlichkeiten abstumpft, deren aller Ursprung die Ankunft der Güte des Herrn ist“111, und zum anderen: „Aber da ja die Zeit der Taufe naht [...]“112. Schwartz113 hält es aufgrund dieser Anspielungen für wahrscheinlich, dass die Predigt entweder Weihnachten 428 oder Epiphanias 429 gehalten wurde. Über diese zeitliche Eingrenzung hinaus orientiert sich die chronologische Einordnung der vier Predigten an dieser Stelle des vorliegenden ersten Bandes daran, dass Marius Mercator sie seinem Commonitorium gegen Caelestius114 voranstellt und sie zusammen mit diesem eine sinnvolle Einheit bilden.
Für die Datierung des Commonitorium bezüglich Caelestius (CPal36)115 liefert Marius Mercator selbst einen Hinweis. Mit den Worten „unter den viri clarissimi, den Konsuln Florentius und Dionysius“ in der Vorbemerkung des Commonitoriums grenzt er dessen Entstehungszeitraum auf das Jahr 429, das Amtsjahr der beiden Konsuln, ein.
Gegen Ende des Jahres 429 kam es erstmals zu einem direkten Kontakt zwischen Kyrill und Nestorius. Kyrill wandte sich in einem ersten Brief (CV2)116 mit der Aufforderung an seinen Gegner, Maria als Gottesgebärerin anzuerkennen. Auslöser für sein Schreiben war ein nicht überlieferter Brief Coelestins, aus dem hervorging, dass einige nach Rom gelangte Schriften des Nestorius auf Unmut gestoßen waren.117 Die Frage, wie die Schriften Rom erreicht hatten, lässt Kyrill an dieser Stelle Doch ist aus anderen Quellen ersichtlich, dass Nestorius selbst den Kontakt nach Rom gesucht hatte.118 So äußert Coelestin in seinem Schreiben vom 10. August 430 (CVer2), in dem er Nestorius von dessen Verurteilung durch die römische Synode unterrichtete: „Wir haben also den Wortlaut der Briefe und die Bücher gelesen, die wir erhalten haben, wobei der vir illustris, mein Sohn Antiochus, als Bote fungierte.“119 Jedenfalls scheint der Umstand, dass Nestorius versucht hatte, den Papst auf seine Seite zu ziehen, ausgereicht zu haben, Kyrill aus der Reserve zu locken und seinen Gegner nun unmittelbar anzugehen sowie bald darauf auch selbst den Kontakt zum Papst zu suchen (s. CV144 [Dok. 27])120. Die Antwort des Nestorius (CV3, Ende 429 / Anfang 430)121 auf die Äußerungen und Forderungen Kyrills fiel sehr knapp aus. Er drückte lediglich – seinen eigenen Worten nach auf Zureden des Presbyters Lampon122 hin – dem alexandrinischen Bischof seine Missbilligung aus, ohne inhaltlich auf dessen Auslassungen einzugehen.
In die Zeit der Unruhen in Konstantinopel Ende 429 und Anfang 430 gehört inhaltlich wohl auch der Libellus ad Imperatores des Basilius von Konstantinopel (CV143)123.
Der Diakon und Archimandrit Basilius, der Lektor und Mönch Thalassios sowie weitere Mönche berichteten dem Kaiser anschaulich von den Unruhen, die sich aus dem Umstand, dass Nestorius den θεοτόκος-Titel zurückweise, ergeben hätten. Auf die Ablehnung des Volkes und vieler Geistlicher dieser Haltung gegenüber reagiere Nestorius mit Gewalt. Deshalb wende man sich nun an den Kaiser mit der dringenden Bitte, diesen Zuständen endlich ein Ende zu machen. Wortwahl und Tonfall erlauben den Schluss, dass der Kaiser bis zu diesem Zeitpunkt geschwiegen hatte, weil er auf der Seite des Nestorius stand.124
Das Schreiben enthält zwei mögliche Hinweise für eine Datierung. Zum einen fordern die Absender zweimal eine ökumenische Synode125, um dem wahren Glauben zu seinem Recht zu verhelfen, was an die Einberufung des Konzils von Ephesus denken lässt, welches die Wahrheitsfindung in eben dieser Frage zum Ziel hatte, und so eine Datierung des Dokuments vor dessen Einberufung am 19. November 430 nahelegt.126 Doch zeigen Richard Price und Thomas Graumann127 besonders mit sprachlichen Argumenten, dass ein Bezug auf dieses Ereignis keineswegs zwingend ist. Ihrer Ansicht nach könnte die Bittschrift an den Kaiser zu jedem beliebigen Zeitpunkt des Streits entstanden sein.128
Der zweite Hinweis für eine Datierung betrifft die Äußerung, Nestorius habe auch auswärtige Kleriker in seine Machenschaften einbezogen, deren Einmischung kirchenrechtlich gar nicht gestattet sei.129 Schwartz130 hält es für wahrscheinlich, dass es sich hier um eine Anspielung auf den Fall handelt, bei dem Nestorius den Pelagianer Caelestius, der sich zu der Zeit in Konstantinopel aufhielt, dazu aufgestachelt hatte, den Presbyter Philippus131 – wie Basilius ein Verfechter des θεοτόκος-Titels – mit Hilfe wohl fingierter Schriftstücke anzuklagen. Die Angelegenheit erhitzte die Gemüter offenbar eine Zeit lang sehr, da in noch drei weiteren Schreiben andeutungsweise davon die Rede ist, nämlich in dem Brief des Nestorius an Caelestius (CPal35)132, im zweiten Brief des Nestorius an Kyrill (CV5)133 und am ausführlichsten in dem Memorandum (CU4)134, das Kyrill seinem Diakon Poseidonios zusammen mit einem für Papst Coelestin bestimmten Dossier135 auf die Reise nach Rom mit auf den Weg gab. Da Coelestin nach der Übergabe dieser Unterlagen im August 430 eine römische Synode einberief, muss also die Philippus betreffende Synode vor dieser römischen stattgefunden haben. Doch ist die Anspielung in der Bittschrift an den Kaiser zu vage – es könnte auch ein ganz anderes Ereignis gemeint sein –, um als sicheres Indiz für die Chronologie gelten zu können. Sollte aber die Vermutung von Schwartz zutreffen, dass hier der Fall ‚Philippus‘ angedeutet ist, würde dies immerhin die Entscheidung unterstützen, das Dokument aufgrund seines Inhalts in das zeitliche Umfeld vor der Kontaktaufnahme Kyrills mit Rom aufzunehmen, zumal sie später wohl kaum noch jemand verstanden haben 136
In dieselbe Zeit gehört wohl auch der Brief des Nestorius an Caelestius (CPal35)137. Nestorius reagiert hierin auf einen Klagebrief des Caelestius, in dem dieser sich über ihm widerfahrenes Unrecht beschwert hatte. Ob es sich dabei um Vergeltungsmaßnahmen handelte, die Caelestius als Pelagianer erleiden musste, oder ob die Beschwerde in Verbindung mit einem anderen Ereignis zu sehen ist, bleibt unklar. Nestorius versucht Caelestius aufzurichten, indem er ihm biblische Vorbilder vor Augen führt, die für die Wahrheit des Glaubens bereitwillig den Tod in Kauf genommen hatten. Schließlich verweist er auch auf Briefe, die im Zusammenhang mit einem Konzil an zahlreiche Bischöfe verschickt wurden und in denen er sich offenbar zugunsten des Caelestius ausgesprochen hatte. Welches Konzil hier gemeint ist und was genau dort verhandelt wurde, lässt sich nicht abschließend klären. Garnier138 spricht sich dafür aus, dass es sich um die römische Synode vom August 430 und die wenig später abgehaltene alexandrinische Synode handele. Doch wurde hier jeweils die Causa Nestorius, nicht die der Pelagianer verhandelt. Schwartz139 hält die Synode für diejenige, auf die auch in CV143 (Dok. 20) angespielt wurde, und bei welcher der Presbyter Philippus als Manichäer verurteilt wurde.140 Möglicherweise war Caelestius wegen seiner unwürdigen Rolle in dem Schauspiel Repressalien ausgesetzt, derentwegen er sich bei Nestorius beschwert hatte. Wenn Schwartz mit seiner Vermutung richtigliegt und es sich um die besagte Philippus-Synode handelt, spricht dies für eine Datierung auch dieses Nestorius-Briefes in die Zeit der eskalierenden Auseinandersetzungen in Konstantinopel vor der Einberufung der römischen Synode im August 430.
Dass Nestorius mehrere Briefe nach Rom geschickt hatte, ist aus seinem zweiten überlieferten Schreiben an den Papst (CVer4)141 ersichtlich, welches er durch den cubicularius Valerius überbringen ließ142. Wann genau dieser Brief entstanden ist, lässt sich nicht ermitteln. Coelestin äußert sich in seinem Schreiben vom 10. August 430, in dem er Nestorius von dessen Absetzung unterrichtet, zu den Briefen. Seinen eigenen Worten zufolge lagen ihm diese bereits einige Zeit vor der Ankunft des Poseidonios Mitte 430 vor. Zuerst habe es an einem Übersetzer aus dem Griechischen gefehlt, und gerade als der gefunden worden war, sei Poseidonios mit dem kyrillischen Dossier nach Rom gekommen.143 So erscheint das Frühjahr 430 als Zeitpunkt für die Abfassung des Briefes sehr 144
Den Akten des Konzils von Chalkedon zufolge ist der zweite Brief Kyrills an Nestorius (CV4)145 zwischen dem 26. Januar und 24. Februar 430 entstanden.146 Kyrill leitet ihn mit den Worten ein, ihm sei zu Ohren gekommen, dass er in Konstantinopel in Gegenwart des Patriarchen verleumdet werde. Nach einigen Spitzen bezüglich dieser Machenschaften gibt sich Kyrill wieder ganz als der Verfechter des wahren Glaubens, der seinen Amtsbruder auf den rechten Weg zurückführen wolle. Auf der Basis des Nizänums setzt er Nestorius ausführlich die Richtigkeit des θεοτόκος-Titels für Maria auseinander und beschließt seinen Brief mit der dringenden Bitte, Nestorius möge diesen Glauben auch mit Blick auf den Kirchenfrieden mit ihm teilen.
Der Brief selbst bietet nur wenige Anhaltspunkte für eine zeitliche Einordnung. Der einleitende Hinweis auf die Verleumdungen gegen Kyrill weist auf die Phase, in der die Streitigkeiten in Konstantinopel zu eskalieren begannen, als Leute wie etwa Dorotheos von Markianopolis147 öffentlich das Wort ergriffen. Als Terminus ante quem ist der Zeitpunkt anzusehen, als sich Kyrill an Coelestin wandte, da sowohl er selbst in seinem Schreiben an den Papst (CV144)148 als auch Coelestin in seinem Schreiben an Nestorius (CVer2)149 den zweiten Brief an Nestorius erwähnen. Beide Hinweise passen zu der Datierung in den Akten von Chalkedon.
Nestorius gibt sich in seinem Antwortschreiben (CV5)150 vom Juni 430151 unberührt von den Schmähungen, mit denen Kyrill seinen Brief eingeleitet hatte. Sehr bald wendet er sich der inhaltlichen Auseinandersetzung zu und entwickelt, an Äußerungen Kyrills in dessen Schreiben anknüpfend, sein eigenes Verständnis in der θεοτόκος-Frage. Dabei lässt er es an gezielten Seitenhieben auf den Gegner nicht fehlen, darunter auch der recht deutliche Hinweis darauf, dass er sich mit dem Kaiserhaus im Einvernehmen wisse.152
Spätestens bis Mitte 430 vollendete Kyrill seine fünf Bücher gegen Nestorius (CV166)153. Die Arbeit an diesem umfangreichen Werk, in dem der Alexandriner einzelne Äußerungen des Nestorius zur Christologie widerlegt, muss im Frühsommer vollendet gewesen sein, da er es etwa zu dieser Zeit durch seinen Diakon Poseidonios als Teil eines Dossiers154 an Papst Coelestin nach Rom sandte.
Unmittelbar vor der Schrift Contra Nestorium findet sich in den Konzilsakten auch eine Sammlung von Auszügen (CV165)155 aus ebendiesem Werk, bei denen es sich ausschließlich um Nestorius-Zitate handelt. Wann genau und zu welchem Zweck diese Sammlung entstanden ist, lässt sich nicht entscheiden. Sie könnte als Vorlage für Contra Nestorium zusammengestellt worden sein. Möglich ist aber auch, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt in irgendeiner Form der Verurteilung des Nestorius dienen sollte. Die Zitate werden im vorliegenden Band nicht eigens übersetzt, da sie im Wesentlichen mit dem Text in Contra Nestorium übereinstimmen. Abweichungen sind jedoch in CV166 (Dok. 25) kenntlich gemacht.
Auch die zeitliche Einordnung der bei Marius Mercator überlieferten Sammlung von Auszügen aus den Predigten des Nestorius (CPal29)156 ist unsicher. Gemäß Marius’ einleitenden Worten handelt es sich um die Übersetzung einer Sammlung von Nestorius-Zitaten Kyrills. Schwartz157 u.a. halten sie in der vorliegenden Form für die, welche Kyrill im Jahr 430 über Poseidonios an Papst Coelestin gesandt hatte. Grillmeier158 ist sogar der Meinung, dass Mercator der Übersetzer der von Kyrill lateinisch verschickten Sammlung ist.159 Diese Identifikationen legen eine Datierung von CPal29 vor dem Versenden des Dokuments nach Rom, also vor Mitte 430, nahe. In jüngerer Zeit nun hat Graumann160 dargelegt, dass die Mercator-Übersetzung da, wo es überhaupt Übereinstimmungen bei der Zitatenauswahl gibt, sprachlich signifikant von den späteren Versionen des Johannes Cassian in seiner Schrift De incarnatione Domini contra Nestorium und des Arnobius Iunior in seinem Conflictus abweicht, während deren Fassungen auf eine gemeinsame Quelle zurückgehen, nämlich das Dossier Kyrills.161 Wenn es sich bei CPal29 also nicht um eine Übersetzung des Dokuments handelt, das Kyrill an Coelestin geschickt hat, erweitert sich auch der Datierungszeitraum für die Zusammenstellung der Exzerpte durch Kyrill. In welchem Abhängigkeitsverhältnis CPal29 zu den anderen Dokumenten mit Nestorius-Exzerpten162 steht, ist unklar. Es gibt Überschneidungen, aber auch gravierende Unterschiede. Möglicherweise handelt es sich um eine Vorstufe entweder der an Coelestin geschickten oder der in Ephesus verlesenen Exzerptsammlung, die dann zwischen Ende 429 und der ersten Sitzung am 22. Juni 431 anzusiedeln wäre. Im vorliegenden Band wurde das Dokument hinter CV166 (Dok. 25) platziert, um einen unmittelbaren Vergleich der Nestorius-Exzerpte zu ermöglichen.
Nachdem Kyrill erfahren hatte, dass Nestorius versuchte, Rom auf seine Seite zu ziehen, wurde auch er in diese Richtung hin tätig. Sein erstes erhaltenes Schreiben163 an Coelestin (CV144)164 muss etwa in die Mitte des Jahres 430 datiert werden165, da es dem Boten Kyrills, Poseidonios, so vollends gelang, Coelestin zu überzeugen, dass dieser bereits im August eine römische Synode abhielt, von der Nestorius verurteilt wurde. Kyrill beschreibt in seinem Brief das Denken und Handeln des Nestorius in den dunkelsten Farben166, um Coelestin ein schnelles Eingreifen als unabdingbar zu suggerieren. Von sich selbst zeichnet er das Bild eines verantwortungsbewusst Reagierenden, der sich von den gegen ihn selbst gerichteten Machenschaften des Nestorius und seiner Anhänger nicht habe beirren lassen und der nichts unversucht gelassen habe, Nestorius zur Umkehr zu bewegen. Doch es sei alles vergeblich gewesen. Abschließend verweist Kyrill noch auf das aus verschiedenen Dokumenten bestehende Dossier167, das er Poseidonios mitgegeben habe, damit sich der Papst ein besseres Bild von der Lage machen 168
Um Poseidonios auf seine Aufgabe vorzubereiten, den Papst von der Unhaltbarkeit des Nestorius als Bischof von Konstantinopel zu überzeugen und ihm das besagte Dossier zu überreichen, was eben dieses beweisen sollte, gab Kyrill seinem Diakon ein kurzes Commonitorium (CU4)169 mit auf die Reise, in welchem er knapp die Glaubenssätze des Nestorius im Gegensatz zu den eigenen vorstellte und zudem den Fall des Presbyters Philippus schilderte170, um seinen Gegner auch charakterlich in schlechtem Licht erscheinen zu lassen.
Sehr bald nach Erhalt der Materialien, die Kyrill dem römischen Bischof hatte zukommen lassen, berief dieser der Causa Nestorius wegen eine Synode ein, bei der der Bischof von Konstantinopel verurteilt wurde. Überliefert sind vier Schreiben Coelestins vom 10. August 430, welche die Entscheidung der unmittelbar vorangegangenen Synode zum Gegenstand haben.171
Der erste Brief des Papstes ist an Kyrill (CVer1)172 gerichtet. Coelestin ergeht sich hierin in Dankbarkeitsbekundungen an Kyrill, mit seinen Schriften den richtigen Weg aus der von Nestorius verursachten Glaubenskrise gewiesen zu haben, teilt ihm das Urteil der römischen Synode mit und überträgt ihm dessen Umsetzung.173 Abschließend verweist er noch darauf, dass entsprechende Schreiben auch an die Bischöfe Johannes von Antiochia, Rufus von Thessaloniki, Juvenal von Jerusalem und Flavian von Philippi gegangen seien.174 Als Antwortschreiben auf CV144175 ist der Brief vor den anderen auf den 10. August datierten Schreiben platziert. Zudem gibt es in den anderen Schreiben konkrete Anspielungen auf den Brief an
Die tatsächliche Chronologie der drei anderen Briefe vom 10. August lässt sich nicht ermitteln. Sie werden deshalb gemäß der Anordnung in der Collectio Veronensis vorgestellt.
In seinem Brief an Nestorius (CVer2)176 äußert sich Coelestin zunächst im Ton strenger Zurechtweisung zu den enttäuschten Hoffnungen, welche die Welt in Nestorius gesetzt hatte, als dieser zum neuen Bischof von Konstantinopel geweiht worden war. Wie wenig er den Erwartungen entspreche, hätten die Schriftstücke, die Coelestin von Kyrill durch dessen Boten Poseidonios erhalten habe, sowie die Briefe und Schriftstücke, die ihm durch einen vir illustris Antiochus177 von Nestorius überbracht worden seien, zweifelsfrei bewiesen. Ohne inhaltlich aufzuschlüsseln, was genau an der Lehre des Nestorius verkehrt sei, bezichtigt er diesen der Geschwätzigkeit und Gotteslästerung, unterbreitet ihm das gegen ihn gefällte Urteil178 und verweist darauf, dass der Wortlaut dieses Urteils und alle Schriften – ob Coelestin hier nur die ihm von Nestorius geschickten Dokumente oder auch seine Briefe meint, bleibt offen – durch Poseidonios auch an Kyrill, den er mit der Umsetzung des Urteils betraut habe179, gegangen seien.
Der Brief Coelestins an Volk und Klerus von Konstantinopel (CVer5)180 ist im Ton sorgenvoller Mahnung geschrieben. Der Papst spricht hier zunächst die Gemeinde an, bevor er sich dem Klerus zuwendet. Beiden legt er nahe, vor dem Hintergrund der verderbten Lehre des Nestorius am rechten Glauben festzuhalten und Standhaftigkeit zu beweisen. Der Papst beschließt sein Schreiben mit dem Hinweis, er habe, als er Poseidonios sein Antwortschreiben an Kyrill übergab, auch den vorliegenden und den Brief an Nestorius (CVer2 [Dok. 30]) beigefügt, damit Kyrill, der von ihm zu seinem Stellvertreter in der Causa Nestorius ernannt worden sei, für die Weiterleitung der Schreiben nach Konstantinopel sorgen könne.181 Außerdem fügte Coelestin seinem Brief den Wortlaut des Urteils gegen Nestorius an.182
Das Schreiben Coelestins an die Bischöfe Johannes von Antiochia, Juvenal von Jerusalem, Rufus von Thessaloniki und Flavian von Philippi (CVer6)183, die den Brief jeweils in demselben Wortlaut erhielten184, ist recht knapp gehalten. Die Bischöfe werden ohne große Umschweife über die Gründe der Verurteilung und den Wortlaut des Urteils185 informiert. Anders als bei den Briefen, die in Richtung Konstantinopel abgingen, verzichtet Coelestin hier auf die Erwähnung der Stellvertreterfunktion Kyrills und auf den Hinweis, dass der Brief durch den alexandrinischen Bischof weitergeleitet werde. Vielmehr scheint Poseidonios direkt mit der Übermittlung betraut zu sein.186
Auch Kyrill entwickelte nach Erhalt des Papstbriefes großen Eifer, die Angelegenheit voranzutreiben. So schrieb er zunächst an Johannes von Antiochia (CV13 [Dok. 33]) und Juvenal von Jerusalem (CV15 [Dok. 34]), um sie davon zu unterrichten, dass er sich nach Rom gewandt habe, und um sie über das Ergebnis zu informieren. In keinem der beiden Briefe ist von der Synode in Alexandria die Rede187, weshalb wohl davon auszugehen ist, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht stattgefunden hatte.
In seinem Schreiben an Johannes von Antiochia (CV13)188 hebt der Alexandriner zunächst erneut sein unermüdliches Bestreben hervor, den Kollegen in Konstantinopel auf den Pfad des rechten Glaubens zurückzuführen. Doch Nestorius habe sich von diesen Bemühungen angegriffen gefühlt und versucht, Rom auf seine Seite zu ziehen, indem er dorthin geschrieben und eigene Schriften beigefügt habe.189 Dies sei gescheitert, da man in Rom seine Ansichten ablehne und ihn der Häresie bezichtige. Kyrill selbst sei erst tätig geworden, nachdem der Papst ihm geschrieben habe.190 Erst dann habe er Poseidonios mit Brief und Dossier ausgestattet nach Rom geschickt, wo die römische Synode das Ultimatum an Nestorius beschlossen habe. Rom und seinen Anweisungen sei nun um der Gemeinschaft mit dem Westen willen unbedingt Folge zu leisten. Kyrill zeichnet in diesem Brief bewusst von sich selbst das Bild einer Randfigur in einem Geschehen, das von Rom und dessen Verbündeten gelenkt und beherrscht wurde.
Der etwa zeitgleich mit dem Schreiben an Johannes entstandene Brief Kyrills an Juvenal von Jerusalem (CV15)191 ist dem vorangegangenen in Aufbau und Inhalt sehr ähnlich. Allerdings tritt die Bereitschaft zur Konfrontation in dem Falle, dass Nestorius nicht auf die Forderungen eingehe, deutlicher hervor.
Als Johannes die an ihn gerichteten Schreiben aus Rom (CVer6 [Dok. 32]) und Alexandria (CV13 [Dok. 33]) erhielt, nahm er dies zum Anlass, seinen Amtskollegen in Konstantinopel davon in Kenntnis zu setzen.192 In einem Brief an Nestorius (CV14)193 legt er diesem ebenso feinfühlig wie nachdrücklich nahe, den θεοτόκος-Titel mit Blick auf den Kirchenfrieden zu akzeptieren. Johannes spricht von „Briefen“, die er von Kyrill erhalten habe. Um welche weiteren Schreiben es sich handelt, liegt im Dunkeln.194 Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch eines darunter war, das Johannes ergänzend über die alexandrinische Synode informieren sollte, dann wäre CV14 erst später nach dieser Synode entstanden. Terminus ante quem ist jedoch mit einiger Sicherheit der 19. November 430, da Johannes die auf diesen Tag datierte sacra des Kaisers (CV25 [Dok. 42])195 nicht erwähnt, also noch nichts von ihr zu wissen scheint.
Seinem dritten Brief an Nestorius (CV6)196 gibt Kyrill von vornherein einen offizielleren Charakter als den beiden vorangegangenen Schreiben an den Bischof von Konstantinopel (CV2 [Dok. 18] und CV4 [Dok. 23]), indem er als Absender nicht nur sich selbst, sondern auch die ägyptische Synode nennt. Entsprechend entschieden und selbstbewusst ist der Ton, mit dem Kyrill seinen Gegner angeht, zumal er sich auch auf Coelestin und die römische Synode berufen kann. Er fordert von Nestorius den Widerruf seiner Lehrsätze, deren Verderbtheit er ihm noch einmal ausführlich vor Augen stellt. Dem Schreiben sind im Anhang zwölf Anathematismen197 beigefügt, in denen Kyrill konkretisiert, welche Glaubenssätze genau Nestorius unterschreiben bzw. verdammen solle.
Der Brief wurde am 30. November 430 an Nestorius übergeben198, also erst elf Tage nach der Einberufung des Konzils in Ephesus durch den Kaiser (CV25 [Dok. 42]).199
Im Gegensatz zu Kyrills Briefen an Johannes von Antiochia (CV13 [Dok. 33]) und Juvenal von Jerusalem (CV15 [Dok. 34]) setzen seine beiden nachfolgenden Schreiben an Klerus und Volk von Konstantinopel (CV24 [Dok. 37]) sowie an die Mönche von Konstantinopel (CV145 [Dok. 38]) die Synode in Alexandria voraus.200 Sie sind also dem dritten Brief Kyrills an Nestorius (CV6 [Dok. 36]) nachzuordnen.
Sein Schreiben an Klerus und Volk von Konstantinopel (CV24)201 leitet Kyrill mit einer Entschuldigung ein, dass man Nestorius zu lange habe gewähren lassen, ohne einzuschreiten. Doch jetzt werde ihm durch die synodalen Entscheidungen von Rom und Alexandria Einhalt geboten. Klerus und Volk fordert Kyrill auf, auch weiterhin dem rechten Glauben anzuhängen, von Nestorius ausgesprochene Verdammungen hätten zudem keine Geltung.
Im Brief an die Mönche von Konstantinopel (CV145)202 ist der Ton etwas knapper und bündiger als in dem Schreiben an Volk und Klerus (CV24), doch ist der Inhalt des Briefes im Wesentlichen identisch. Dem Treiben des Nestorius soll durch das ihm gestellte Ultimatum ein Ende gesetzt werden, die Mönche werden angehalten, im Sinne Christi zu denken und zu handeln.
Kyrill war sich nicht nur dessen bewusst, dass er Rom auf seine Seite bringen musste, was ihm ja ohne Schwierigkeiten gelungen war, sondern auch, dass Nestorius in Konstantinopel eine bessere Ausgangsposition für die Durchsetzung seiner Interessen beim Kaiser hatte als er selbst von Alexandria aus, zumal sein Verhältnis zum Kaiserhaus ohnehin nicht das allerbeste war.203 Anspielungen des Nestorius, dass er in Glaubensfragen mit dem Kaiserhof in gutem Einvernehmen stehe204, dürften Kyrill noch zusätzlich angespornt haben, sich auch selbst dorthin zu wenden. Mit gleich drei Schriften, die ihre Empfänger spätestens im Oktober oder Anfang November 430 erreicht haben müssen,205 da Theodosius sie in seiner sacra an Kyrill (CV8 [Dok. 43]) vom November 430 erwähnt206, an denen Kyrill aber wahrscheinlich schon gearbeitet hat, als er Contra Nestorium verfasste, wandte sich der Patriarch von Alexandria nun also auch an das Kaiserhaus:
In seiner Oratio an Theodosius über den rechten Glauben (CV7)207 setzt Kyrill dem Kaiser den rechten Glauben auseinander, indem er die bekanntesten Irrlehren, die er in der eines Dyophysitismus, wie ihn Nestorius vertrat, gipfeln lässt, vorstellt und widerlegt. Etwas anders verfährt Kyrill in der Oratio an die Kaiserinnen (Ad dominas) (CV150)208, wo er Äußerungen früherer Theologen und Stellen aus dem Neuen Testament zitiert und kommentiert, die geeignet waren, die volle Gottheit des Inkarnierten zu beweisen. In seiner zweiten Oratio an die Kaiserinnen (Ad augustas) (CV149)209 beschränkt sich dieses Verfahren auf die Kommentierung von Zitaten aus dem Neuen
Doch brachten die Bemühungen Kyrills, die Gunst des Kaisers auf sich zu lenken, nicht den gewünschten Erfolg. Am 19. November 430 ließ dieser eine sacra an Kyrill und einige Metropoliten (CV25)210 ergehen, die den Bestrebungen des Alexandriners erst einmal ein jähes Ende setzte. Die Adressaten wurden aufgefordert, zu Pfingsten des folgenden Jahres211 in Ephesus eine Synode abzuhalten, um die aktuellen Streitfragen zu klären,212 wobei sowohl vorherige Absprachen als auch Fernbleiben von Ephesus strengstens untersagt
An Kyrill selbst ging wohl zeitgleich213 noch eine gesonderte sacra des Kaisers (CV8)214, in der dieser das eigenmächtige Vorgehen des Alexandriners in der Auseinandersetzung mit Nestorius scharf kritisierte. Kyrill habe nicht einmal davor zurückgeschreckt, mit seinen an den Hof geschickten Schriften (CV7 [Dok. 39], CV149 [Dok. 41] u. CV150 [Dok. 40]) auch hier Zwietracht zu säen.215 Um die Rechtmäßigkeit seiner theologischen Ansichten zu prüfen, habe er auf der Synode zu erscheinen. Der Diakon Rusticus, der sich im sechsten Jahrhundert im Rahmen des Dreikapitelstreites mit den Akten von Ephesus und Chalkedon beschäftigte und auch zahlreiche der Dokumente in seinem Synodicon216 zusammenstellte, macht in einer Vorbemerkung zu dieser sacra Nestorius für das Vorgehen des Kaisers verantwortlich. Er habe sich bei diesem eingeschlichen und zu seinen eigenen Gunsten Einfluss auf ihn 217
Auch andere Bischöfe wie Akakios von Beroia wurden durch eine sacra (CV23)218 von den Bestrebungen des Kaisers, eine Einigung zu erreichen, informiert, allerdings nicht verbunden mit dem Befehl, an der Synode in Ephesus teilzunehmen, sondern lediglich mit dem Auftrag, für einen glücklichen Ausgang der Sache zu beten. Dass sich dieser nicht so bald einstellen sollte, davon zeugen die Dokumente, welche die weiteren Ereignisse im θεοτόκος-Streit beleuchten (s. Bd. 2 u. 3).