CPal20 (Dok. 1): Nestorius’ erste Predigt gegen den θεοτόκος-Titel (sermo 9)

Inhalt: Ausgehend von der Vorsehung, mit der Gott seit Anbeginn für das menschliche Geschlecht sorge, entwickelt Nestorius in dieser ersten Predigt gegen das Attribut θεοτόκος seine Lehre von den zwei Naturen Christi. Krönung von Gottes Fürsorge sei die Rettung der Menschen aus den Fängen des Teufels gewesen. Hierzu habe es der Schaffung eines Menschen in Analogie zur Schaffung Adams bedurft. Nicht das göttliche Wort sei von Maria geboren worden, sondern ein vollständiger Mensch, der dem ihn erschaffenden Vater als Werkzeug seiner Gottheit gedient habe: zwei Naturen, aber nur eine Würde und Verehrung.

Edition: Collectio Palatina 20, ACO I,5 S. 29,17–30,34; ältere Edd.: Garnier (1673), Bd. 2 S. 5–8; Baluze (1684), S. 53–56; PL 48, Sp. 757–763; Loofs, Nestoriana S. 249–264

Verzeichnisnummern: –

Verfasser: Nestorius von Konstantinopel, Marius Mercator (Übers.)

Datierung: 428

Griech. Original: Nur in einzelnen Fragmenten erhalten (s. Loofs, Nestoriana S. 249–277)

Weitere lat. Fassungen: –

Literatur: Konoppa (2005), S. 222–227

​Auf die Lehre der Frömmigkeit richtet sich die Aufmerksamkeit der Verständigen
​​ in der Kirche, [Inhalt der] Lehre der Frömmigkeit ist aber [auch] die Erkenntnis der
​Vorsehung. Denn derjenige erkennt die Vorsehung Gottes, der erfasst hat, dass Gott
​der Beschützer der Körper und der Seelen ist. Wie viele auch immer, die dies nicht
​wissen, also Gott anbeten, es ist offenkundig, dass sie die Wahrheit nicht kennen.
​Denn „sie bekennen, dass sie um Gott wissen, in ihren Taten aber leugnen sie es“, wie
​es geschrieben steht.

​Der Schöpfer aber muss Sorge für die tragen, die er geschaffen hat. Der Herr muss
​denen, über die er herrscht, [aufmerksame] Fürsorge angedeihen lassen. Der Hausherr
​muss der Verteidiger seines Hauses sein. Unser Leben ist der Erhabenheit dieser so
​bedeutenden Herrschaft nicht ebenbürtig. Gott, der Schöpfer, formt mich schließlich
​im mütterlichen Leib und ist mir, der ich mich in jener Abgeschiedenheit des
​Mutterleibs befinde,
der erste und höchste Schutz. Ich werde geboren und finde die
​Quellen der Milch. Ich beginne, des Zerkleinerns der Speisen zu bedürfen, und finde
​mich mit entsprechenden Messern, nämlich den Zähnen, bewaffnet. Ich existiere als
​Mann, und es zeigt sich, dass die Schöpfung mir abgabenpflichtig ist. Denn von unten
​nährt mich die Erde und vom Himmel her wird mir eine Leuchte entzündet, die
​Sonne, die Zeit des Frühlings bringt mir Blumen, der Sommer reicht mir die Ähre dar,
​der Winter erzeugt Regen und der Herbst zahlt seine Abgabe in [Form von] Wein. Da
​wir nun ein ungleiches, aus Armut und Reichtum bestehendes Leben führen (denn
​nicht anders hätte das Sterbliche bestehen können), siehe welcher 〈und〉 ein wie
​umfänglicher Schutz uns jetzt in eben diesen [Verhältnissen] zuteil wird. Leicht
​zwingt die Fäulnis des Getreides den Reichen dazu, es aus Furcht vor dem Verderben
​an die zu verkaufen, die es brauchen. Die veränderliche Natur des Weines veranlasst
​den Besitzer, aus Angst vor Verlust einen Handel einzugehen. Das Gold ist deshalb frei
​von Fäulnis und widersteht der Zeit, weil es, wenn es zurückgehalten wird, dem
​Armen nicht schadet. Denn was verletzen mich Reichtümer, solange nur die Reichen,
​[auch] wenn sie ihr Gold [für sich] zurückbehalten, veranlasst werden zu verkaufen,
​was mich nährt?

​Das mit zehntausend Gaben geehrte menschliche Geschlecht wurde mit dem
​größten und unbegrenzten Geschenk der Fleischwerdung des Herrn geziert. Denn da
​‚der Mensch das Abbild der göttlichen Natur‘ ist, der Teufel dieses aber zu Fall
​gebracht und in die Verderbtheit hinabgestoßen hat, hat Gott seines Abbildes wegen
​Schmerz empfunden wie ein König um seiner eigenen Statue willen, und er stellte das
​verdorbene Abbild wieder her. Er formte die Natur ohne Samen aus der Jungfrau, so
​wie auch Adam, der selbst ebenfalls ohne Samen geformt wurde, und bewirkte die
​Erweckung des menschlichen Geschlechts durch einen Menschen, „weil ja“, heißt es,
​​ „durch den Menschen der Tod und durch den Menschen die Auferstehung von den
​Toten [gekommen ist]“.

​[S. 30:] Das mögen diejenigen hören, die hinsichtlich des Heilsplans der Fleisch­‐
​werdung des Herrn verblendet „nicht verstehen, was sie sagen und was sie behaupten“.
​Diese erkundigen sich, wie wir gerade erfahren haben, häufig abwechselnd bei uns: Ist
​Maria θεοτόκος, fragen sie, das heißt eine Frau, die einen Gott zur Welt gebracht hat,
​bzw. Gottesgebärerin, oder ist sie ἀνθρωποτόκος, das heißt Menschengebärerin? Hat
​Gott eine Mutter?
Das Heidentum hat den Göttern nämlich entschuldbar Mütter
​untergeschoben.
Demnach würde Paulus unwahr über die Gottheit Christi sagen
​ἀπάτωρ, ἀμήτωρ, ἀγενεαλόγητος, das heißt „ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stamm­‐
​baum“.
Maria hat, bester Mann, nicht Gott geboren (denn „was vom Fleisch geboren
​wurde, ist Fleisch“);
nicht hat das Geschöpf ihn, der nicht erschaffbar ist, geboren;
​nicht hat der Vater ein neues göttliches Wort aus der Jungfrau gezeugt (denn „am An­‐
​fang war das Wort“,
wie Johannes sagt); nicht hat das Geschöpf den nicht Erschaff­‐
​baren geboren, sondern es hat den Menschen als Werkzeug der Gottheit geboren;
​nicht hat der Heilige Geist das göttliche Wort erschaffen („denn was aus ihr geboren
​wurde, ist vom Heiligen Geist“),
sondern für das göttliche Wort wurde ein Tempel aus
​der Jungfrau gefertigt, den es bewohnen sollte.

​Und der Fleisch gewordene Gott ist nicht gestorben, sondern er hat jenen, in dem
​er Fleisch geworden ist, auferweckt. Er hat sich herabgebeugt, um aufzuheben, was
​gestürzt war, er selbst aber ist nicht gefallen („der Herr hat aus dem Himmel
​​ hervorgeschaut auf die Söhne der Menschen“),
so dass er nicht getadelt werden kann,
​er sei, indem er sich herabneigte, um den Angeklagten aufzuheben, der gefallen war,
​gleich jenem selbst gestürzt. Gott sieht die gefallene Natur und er hat sie, die am
​Boden lag, mit der Kraft der Gottheit ergriffen und in die Höhe emporgehoben,
​wobei er sie festhielt und [doch] blieb, was er war. Erkenne an einem Beispiel, was
​gesagt wurde. Wenn du einen am Boden Liegenden aufheben willst, berührst du dann
​nicht [seinen] Körper mit [deinem] Körper und richtest dich selbst, durch die
​Verbindung mit jenem niedergedrückt, wieder auf und bleibst, [immer noch] so mit
​ihm verbunden, [doch] selbst, was du warst? Glaube, dass es sich so auch mit jenem
​Geheimnis der Inkarnation [verhält]!

​Des Tragenden wegen verehre ich jene Kleidung, die er trägt, und des verborgenen
​[Inneren] wegen bete ich an, was außen sichtbar ist. Untrennbar von dem, der sich den
​Augen zeigt, ist Gott. Wie also könnte ich es wagen, die Ehre und Würde dessen
​aufzuspalten, der nicht geteilt werden kann? Ich unterscheide die Naturen, aber ich
​verbinde die Verehrung. Achte auf das, was gesagt wird! Nicht kraft seiner selbst ist
​Gott, der im Mutterleib geformt wurde (denn wenn es so wäre, wären wir wahrhaft
​Verehrer eines Menschen), sondern weil in dem Angenommenen Gott ist, wurde um
​jenes willen, der angenommen hat, [auch] der ‚Gott‘ genannt, der angenommen
​wurde. Daher wollen wir vor der Fleischwerdung des Herrn erbeben, τὴν θεοδόχον τῷ
​θεῷ λόγῳ συνθεολογῶμεν μορφήν
, das heißt, 〈wir werden〉 die zur Aufnahme Gottes
​befähigte Hülle auf ein und dieselbe 〈Weise〉 als Gottheit 〈verehren〉 wie das göttliche
​Wort,
gleichsam als wahrhaft untrennbares Bildnis der Göttlichkeit, gleichsam als
​Abbild des verborgenen Richters. Wir wollen ihn als einen Zweifachen bekennen und
​als einen einzigen anbeten; denn er ist zweifach hinsichtlich der Naturen, ein einziger
​gemäß der Vereinigung. Höre Paulus, der beides verkündigt, dass [nämlich] sowohl die
​Ewigkeit der eingeborenen Gottheit als auch die neu entstandene Menschheit in
​[ihrer] Gemeinschaft und Vereinigung zu einer einzigen Würde gelangt sind: „Jesus“,
​sagt er, „gestern und heute, und eben derselbe in Ewigkeit.“

​Ende.

​

6 sie‌¹ … es]

Tit 1,16, vgl. 2 Tim 3,5.

12–13 der … befinde]

Die Wahl des Wortes conservare in diesem Zusammenhang ist ungewöhnlich. Möglicherweise liegt eine Verwechslung mit conversari vor. Konstruiert ist jedoch gemäß conservare.

32 der‌¹ … Natur]

Vgl. Gen 1,27. 2,7; Weish 2,23; Sir 17,1.

36 der … wurde]

Vgl. Gen 2,7; Sir 17,1.

37–39 weil … ist]

1 Kor 15,21.

41 nicht … behaupten]

1 Tim 1,7.

44–45 Hat … Mutter]

Hier scheint schon die Wider­le­gung einzusetzen, die sich dann aber nur auf den θεοτόκος-Titel bezieht.

45–46 Das... unter­ge­scho­ben]

Zur griech. Fassung s. Loofs, Nestoriana S. 252,3f.: ἀνέγκλητος Ἕλλην μητέρας θεοῖς ἐπεισάγων.

45 entschuldbar]

D.h. verzeihlich, weil man es noch nicht besser wusste.

47–48 ἀπάτωρ … Stammbaum]

Hebr 7,3.

47–48 heißt … Stamm­baum]

Nach Loofs (Nestoriana S. 252) von Marius Mercator als Erklärung ergänzt.

48 Maria … geboren‌¹]

Zur griech. Fassung s. Loofs, Nestoriana S. 252,6f.: oὐκ ἔτεκεν, ὦ βέλτιστε, Μαρία τὴν θεότητα. Abweichend vom griechischen Text gebraucht Marius Mercator hier nicht das Wort „Gottheit“, sondern „Gott“ (deum). Einer Stelle in den Tragoedia des Irenaeus lässt sich entnehmen, dass Nestorius es Kyrill zum Vorwurf machte, er habe seine Aussage zum Wesen dessen, den Maria geboren hat, absichtlich verfälscht, vgl. CCas81, ACO I,4 S. 26,10–14: et ut in paucis eius nequitiam, qualis sit etiam circa reliqua, propalemus, dictum est a nobis alicubi, dum contra paganos loqueremur dicentes quod nos substantiam dei creatam noviter ex virgine praedicemus: „non peperit, optime, Maria deitatem, sed peperit hominem divinitatis inseparabile instrumentum.“ at ille vocem divinitatis immutans fecit: „non peperit, optime, Maria deum.“ hic vero multum differt dicere deum et dicere deitatem. In der Tat heißt es in dem frühesten überlieferten Zeug­nis für die Äußerung des Nestorius, der allgemein dem Eusebius von Dorylaeum zuge­schrie­benen Contestatio (CV18,2,3 – 4, ACO I,1,1 S. 101,10f. [Dok. 2]) korrekt: Νεστόριος συμφώνως [sc. mit Paulus von Samosata] εἶπεν· oὐκ ἔτεκεν, ὦ βέλτιστε, Μαρία τὴν θεότητα. Wann sich die falsche Wiedergabe der Worte des Nestorius in die Überlieferung eingeschlichen hat und ob tatsächlich Kyrill dafür verantwortlich ist, lässt sich nicht entscheiden. Zur Problemlage unter Heranziehung der genannten Quellen vgl. auch Loofs, Nestoriana S. 60f.

48–49 was … Fleisch]

Joh 3,6.

50–51 am … Wort]

Joh 1,1.

52 sondern … geboren‌²]

Zur griech. Fassung s. Loofs, Nestoriana S. 252,10f.: ἀλλ’ ἔτεκεν ἄν­θρω­πον, θεότητος ὄργανον.

53–54 denn … Geist]

Mt 1,20.

58–59 der … Menschen]

Ps 13(14),2. 32(33),13.

67–68 Glaube … verhält]

Nach Loofs (Nestoriana S. 253,11–263,10) gehört der Abschnitt aus CPal21,83, ACO I,5 S. 32,22–35,34 (Dok. 6) eigentlich hinter diese Worte hier (= ACO I,5 S. 30,20). Als Grund für das Durcheinandergeraten der beiden Predigttexte hält er eine Lagenvertauschung für wahrscheinlich, s. hierzu ebd., bes. S. 136–144.

78–80 heißt … Wort]

Nach Loofs (Nestoriana S. 263) von Marius Mercator als Erklärung ergänzt.

85–86 Jesus … Ewigkeit]

Hebr 13,

Die Akten des Konzils von Ephesus 431. Übersetzung, Einleitung, Kommentar

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