CPal21 (Dok. 6): Nestorius’ Reaktion auf die Angriffe Kyrills ( sermo 10)

Inhalt: Nestorius reagiert in dieser Predigt auf die Angriffe Kyrills, die dieser besonders in seinem Brief an die Mönche (CV1 [Dok. 5]) gegen ihn formuliert. Nachdem er seiner Empörung hierüber Aus­druck verliehen hat, bietet er seiner Gemeinde eine ausführliche Widerlegung der Lehre von der Identität Christi mit dem göttlichen Wort, indem er dieser die ‚richtige‘ Lehre von den zwei Naturen Christi gegenüberstellt, die er mit zahlreichen Bibelzitaten belegt.

Edition: Collectio Palatina 21, ACO I,5 S. 31,1–37,27; ältere Edd.: Garnier (1673), Bd. 2 S. 33–41; Baluze (1684), S. 56–70; PL 48, Sp. 789–801; Loofs, Nestoriana S. 264–277

Verzeichnisnummern: –

Verfasser: Nestorius von Konstantinopel, Marius Mercator (Übers.)]

Datierung: Frühjahr 429

Griech. Original: Nur in einzelnen Fragmenten erhalten (s. Loofs, Nestoriana S. 264–277)

Weitere lat. Fassungen: Zu weiteren lateinischen Versionen einzelner Abschnitte, die auch in Collectio Palatina 29 erscheinen, s. unten die jeweiligen Angaben

Literatur: Wessel (2004), S. 242–245; Konoppa (2005), S. 227–239

​Ebenso eine andere Predigt:

​Ich glaube jedenfalls, dass die Beleidigungen der Häretiker gegen mich gleichsam
​Possen von kleinen Kindern sind,
und ihr angedrohtes Versenken ins Meer, ebenso das
​Verlangen nach Störungen, die jüngst unternommenen Verfolgungen, auf die man aus
​ist, die Vernachlässigung des Notwendigen, die sie uns vorwerfen, und die albernen
​[Äußerungen] der Geschwätzigkeit von anderen gegen uns verlache ich wie den Lärm
​von Fröschen und verachte sie jedenfalls wie die Geschosse und Burgen kleiner
​Kinder, wie sie [auch] der Prophet einst verspottete, als er sagte: „Die Pfeile“ der
​Kinder „sind geschaffen zu ihrer eigenen Heimsuchung.“
Nichts aber ist elender als
​jener Hirte, der sich des Lobs der Wölfe rühmt. Wenn er denen gefallen will und sich
​dafür entschieden hat, von ihnen geschätzt zu werden, wird den Schafen daraus großes
​Verderben entstehen. Kein Hirte kann also den Wölfen und den Schafherden [gleich­‐
​zeitig] gefallen.

​Ich will also, wie ich vorher gesagt habe, die Worte jener verachten, indem ich
​gegen sie die Worte des Herrn vorbringe: „Viperngezücht, wie könnt ihr Gutes reden,
​wenn ihr böse seid?“
Jedenfalls ist es notwendig, diesen Ansichten, mit denen sie sich
​gegen Gott bewaffnen, in den Weg zu treten und sich ihnen zu widersetzen. Sie
​bezeichnen nämlich die Leben spendende Gottheit als sterblich und wagen es, das
​göttliche Wort [auf die Stufe] von Theaterstücken herabzuwürdigen, als ob es in Win­‐
​deln gewickelt und gestorben sei, oh Frevel. Obwohl der Herr Christus seine Güte
​​ gegen uns ausgebreitet hat, befindet er sich bei diesen in Gefahr, seine Würde als Gott­‐
​heit zu verlieren. Lobe [unsere Sichtweise], Elendster, wenn auch noch so wütend, und
​lasse die Sorge um deine Heilung zu. Pilatus hat nicht die Gottheit getötet, sondern
​das Gewand der Gottheit. Nicht das göttliche Wort wurde von Joseph in ein Leinen­‐
​tuch gewickelt dem Grab anvertraut. Denn wie hätte jener dies erleiden können, der
​„den Erdkreis beherrscht und alle, die wie Heuschrecken darin wohnen“, wie der
​Prophet sagt?

​Aber wer ist es, der in die Leinentücher für das Begräbnis gewickelt wurde? Höre,
​was mit den Worten des Evangeliums verkündet wird: „Ein reicher Mann kam von
​Arimathia, der den Namen Joseph trug, und der selbst ein Jünger Jesu gewesen war.
​Dieser ging zu Pilatus und forderte den Leib Jesu. Da befahl Pilatus, ihm den Leib zu
​geben, und Joseph empfing diesen Leib und wickelte ihn in sauberes Leinen und legte
​ihn in das Grab.“
Dreimal sagte [der Evangelist] ‚Leib‘, und nicht einmal gedachte er
​der Gottheit. Denn die Soldaten hatten die Gottheit nicht mit ihrer Lanze verletzt.

​Aber was ist es, was von ihnen verwundet wurde? Von Johannes wirst du belehrt:
​„Einer der Soldaten“, sagt er, „verletzte mit seiner Lanze seine Seite.“ Und höre
​außerdem [noch] einen Beweis, durch den [zweifelsfrei] feststeht, dass die Gottheit
​völlig unverletzt blieb: „Sogleich“, sagt er, „floss Blut und Wasser heraus.“ Denn wenn
​der, der lebendig macht, selbst gestorben wäre, wer wäre dann zurückgeblieben, um
​den Toten zu erwecken? Ein Mensch ist gekommen, um die Toten zu erwecken, nicht
​um selbst für tot befunden zu werden, [und er ist gekommen,] um denen, die am
​Boden liegen, Hilfe zu bringen, nicht um gleichsam selbst am Boden zu liegen und
​Hilfe zu benötigen. Gott wurde durch die Verbindung oder Gemeinschaft mit dem
​Menschen nicht verändert. Denn er selbst ist es, der durch den Propheten ausruft:
​„Ich bin es, ich bin es, und ich habe mich nicht verwandelt.“ Und wiederum: „Du
​selbst aber bist derselbe und deine Jahre werden nicht zu Ende gehen.“

​Aber er hat sich mit der menschlichen Natur geeint und diese in einer Umarmung
​der Gottheit umfasst und in die Höhe erhoben, wobei er selbst das blieb, was er war.
​Deshalb sagte Petrus, als er über unsere Erstlingsgaben predigte und jene Höhe
​beschrieb, die Gott dieser sichtbaren Natur zugeteilt hat:
„Gott“, sagte er, „hat diesen
​Jesus auferweckt.“
Gott ist also nicht gestorben, sondern er hat auferweckt. Höre, was
​Petrus sagt, oh Apolinarios, höre auch du zusammen mit Apolinarios, arianische
​​ Gottlosigkeit:
„Gott hat“, sagt er, „diesen Jesus auferweckt“, ihn, der sich zeigt, ihn,
​den die Augen anschauen, der ans Holz geheftet wurde, der von den Händen des
​Thomas berührt wurde,
der ihm zurief: „Berührt [mich] und [S. 32:] seht, dass ein
​Geist keine Knochen und kein Fleisch hat, wie ihr es bei mir seht.“
Und durch diese
​Worte wie auch durch das Berühren des gekreuzigten Körpers selbst von der Auf­‐
​erstehung in Kenntnis gesetzt, pries er Gott, der so Wunderbares vollbringt, indem er
​sagte:
„Mein Herr und mein Gott“, wobei er nicht das, was er berührt hatte, als Gott
​ansprach. Denn die Gottheit wird durch eine solche Berührung nicht aufgespürt.

​Wenn nämlich Thomas begonnen hätte, durch dieses Berühren das göttliche Wort zu
​erkennen und zu verinnerlichen, hätte ohne Zweifel der Herr zu ihm gesagt: ‚Fass
​mich an und sieh, dass ich Geist bin und Gott.‘ Nun aber sagt er im Gegenteil: „Be­‐
​rühre [mich] und sieh, dass ich kein Geist bin. Denn ein Geist hat kein Fleisch und
​keine Knochen, wie ihr sie bei mir seht“,
[und] ihr seht offenbar, dass ich gemäß dem,
​was sichtbar ist und sich zeigt, zusammengefügt wurde, und ihr erkennt, dass ich
​gemäß der Substanz des Körpers berührbar bin. Denn nicht, Apolinarios, machen die
​Knochen und das Fleisch die Gottheit des väterlichen Wortes aus. Über diesen
​Berührbaren ruft Petrus aus:
„Diesen Jesus hat Gott erweckt. Deshalb ist er durch die
​rechte Hand Gottes erhöht worden“,
während doch das göttliche Wort die Hilfe der
​Rechten nicht [braucht], oh arianischer Wahnsinn.
„Nachdem er auch den verheiße­‐
​nen Heiligen Geist vom Vater empfangen hatte, hat er diesen ausgegossen, wie ihr seht
​und hört.“

​Höre auch Paulus, wie er über Gott nachsinnt und jene unwandelbare Verbindung
​von Gott und Mensch darlegt: „Er, der in der Gestalt Gottes war, hielt es nicht für
​einen Raub, dass er Gott gleich sei, sondern er entäußerte sich selbst, indem er die
​Gestalt eines Knechtes annahm.“
So sagt er nämlich auch an anderen Stellen: „Er hat
​zu uns gesprochen im Sohn, den er eingesetzt hat als Erben von allem, durch den er
​auch die Weltzeiten geschaffen hat, der der Glanz seiner Herrlichkeit ist.“
Wenn er
​den Sohn anführt, bezeichnet er ihn behutsam als Glanz seiner Herrlichkeit und als
​eingesetzten Erben, als eingesetzten Erben freilich dem Fleische nach, als Abglanz der
​väterlichen Herrlichkeit aber der Gottheit nach, weil der Fleischgewordene sich nicht
​​ von der Ähnlichkeit, die ihn mit [seinem] Vater verbindet, losgesagt hat.
Deswegen
​sagt auch Paulus:
„welcher der Abglanz [seiner] Herrlichkeit ist“,
damit nicht viel­‐
​leicht jemand, wenn er hörte, 〈dass〉 er in der Gestalt Gottes war, mutmaßen würde,
​Gott sei gleichsam von sich wandelnder und veränderter Natur.

​Johannes gebrauchte bei der Beschreibung der wechselseitigen Gleichewigkeit des
​Wortes und des Vaters folgende Worte: „Am Anfang war das Wort“, wobei er ‚ist‘
​vermied. Denn er sagte nicht: ‚Am Anfang ist das Wort und das Wort ist bei Gott‘,
​sondern er sagte:
„Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott
​war das Wort.“
Denn es wurde gefragt, welche Seinsform des Wesens, das den Men­‐
​schen in sich getragen hat, zuerst da war.

​Paulus aber berichtet, dass alles zugleich aufgetreten ist, [nämlich] sowohl das
​fleischgewordene Wesen als auch die immer währende Unveränderlichkeit der fleisch­‐
​gewordenen Gottheit nach der Einung. Deswegen schrieb und rief er auch: „Seid unter
​euch so gesinnt wie in [der Gemeinschaft] Jesu Christi, der, als er in der Gestalt
​Gottes war, sich selbst entäußerte, indem er die Gestalt eines Knechts annahm.“
Er
​sagte nicht: ‚Seid unter euch so gesinnt wie in [der Gemeinschaft] des göttlichen
​Wortes, das, als es in der Gestalt Gottes war, die Gestalt eines Knechtes annahm.‘
​Sondern der Apostel fasst den Namen ‚Christus‘ gleichsam als einen der Bezeichnung
​beider Naturen dienenden Titel auf und bezeichnet ihn gefahrlos sowohl als eine
​Knechtsgestalt als auch als Gott, nachdem er untadelig das getrennt hat, was zur Be­‐
​zeichnung der zweifachen Natur gesagt wird,
und er predigt den Christen nicht nur,
​dass Christus als Gott unveränderlich ist, sondern auch, dass er gütig ist, indem er die
​Gestalt eines Knechtes annahm und [trotzdem] als das existierte, was er [vorher] war,
​damit du weißt, dass er nach der Einung nicht verändert war, sondern zugleich gütig
​und gerecht erschien. Denn der Tod wurde ihm um der Gottlosen willen ohne [S. 33:]
​Sünde des Fleisches zuteil, und weil er diesen [Tod] um seiner Feinde willen nicht
​geflohen ist, verdient er
außerordentlichen Dank für [seine] Güte.

​„Denn kaum jemand wird wohl“ gemäß Paulus „für einen Gerechten sterben.“ Eine
​große Umsicht der Gerechtigkeit aber bedeutet es, das menschliche Geschlecht mit­‐
​tels eines Menschen anzunehmen und Adam [mit Gott] zu versöhnen. Denn es war
​gerecht, die Natur, die einen Verstoß begangen hatte, wieder als gottgefällig loszu­‐
​sprechen, und es ist gerecht, die einstmals schuldige [Natur], die sich 〈nichts〉 mehr
​hat zuschulden kommen lassen, freizusprechen. Denn die Natur der Menschen schul­‐
​dete Gott eine untadelige und standhafte Lebensweise, aber sie erlahmte bei der
​​ Abzahlung [dieser Schuld].
Denn die Leidenschaften beherrschten die nachlässige
​Seele, die bar aller Tugenden war, und zerrten sie hierhin und dorthin. Rar waren die
​Leute, welche Frömmigkeit und Gerechtigkeit besaßen, und [rar waren] damals jene,
​die bei der Armut jener Zeit solche Besitzer zu sein schienen oder als solche galten.

​Die Schuld aber war über den ganzen Erdkreis hin [verbreitet].
„Denn alle“, heißt es,
​„haben gesündigt und bedürfen der Herrlichkeit Gottes.“
Auch der Zins der Sünde
​wuchs.

​Was also [tat] der Herr Christus? Er sah, dass das menschliche Geschlecht sünden­‐
​verhaftet und bedürftig war, und bezahlte die Schuld mittels Zurücknahme, nicht kraft
​seiner Macht, damit nicht die Güte die Gerechtigkeit verletzen sollte. Und der Apos­‐
​tel Paulus verkündigt als Zeuge dieses Sachverhalts: „Christus“, sagte er, „den Gott um
​des Glaubens willen als Versöhnungsmittel in seinem Blut hingestellt hat zum Erweis
​seiner Gerechtigkeit.“
Damit die gerechte und nicht ohne Urteil überall und wie auch
​immer geschenkte Güte erwiesen werde, sagt er, deshalb hat Christus die Person der
​schuldigen Natur angenommen und durch sie gleichsam als ein Sohn Adams die
​Schuld beglichen. Denn es war höchst angemessen, dass der, der die Schuld bezahlte,
​aus dem Geschlecht dessen abstammen sollte, der sie einst verursacht hatte. Einer
​Frau wegen die Schuld, einer Frau wegen die Aufhebung.

​Aber lerne die Schuld kennen, damit du auch [ihre] Rücknahme erkennst. Einer
​Speise wegen machte sich Adam zum Schuldner einer Strafe; Christus zahlte diese ab,
​indem er in der Wüste hungerte und den Rat des Teufels in Bezug auf die Stärkung
​durch Speise zurückwies. Jener machte sich schuldig, gegen Gott die Göttlichkeit zu
​erstreben, als er vom Teufel gehört hatte: „Ihr werdet wie die Götter sein“, und er hat
​die Speise bereitwillig an sich gerissen. Aber diese hat Christus abbezahlt, als er dem
​Macht versprechenden Dämon (denn [dieser] sagte zu ihm:
„Dies alles werde ich dir
​geben, wenn du mir zu Füßen fällst und mich anbetest“)
antwortete, wobei er dessen
​Worte zurückwies:
„Weiche von mir, Satan. Du sollst den Herrn, Deinen Gott, an­‐
​beten und ihm allein dienen.“
Aus Ungehorsam heraus ist Adam durch ein Holz
​Schuldner der Strafe geworden; Christus hat diese abbezahlt, als er am Holz gehorsam
​wurde. Deswegen sagt auch Paulus:
„Er hat den Schuldschein unserer Sünden, der uns
​entgegen stand, aus unserer Mitte genommen und ihn ans Kreuz geheftet.“
Und
​jedenfalls ist es Christus, der für uns zahlte; in ihm selbst aber zahlte unsere Natur die
​Schuld. Denn er hatte die Person derselben Natur auf sich genommen, deren Leiden er
​in seinem Leiden auflöste, weil „wir“ nämlich
„die Erlösung durch sein Blut haben“,
​wie von Paulus gesagt wurde. Siehe, wie jetzt unsere Natur in Christus die Sache vor
​Gott gegen den Teufel vertritt und die folgenden gerechten Einwände geltend macht:

​Ich werde durch Unrecht niedergehalten, gerechtester Richter. Der Teufel greift
​mich feindselig an. Er nutzt meine Machtlosigkeit in offensichtlich tyrannischer Weise
​​ aus. Nun, so sei es, er hat den ersten Adam dem Tod übergeben, weil sich für ihn die
​Gelegenheit zu einer Sünde bot. Wegen welcher Schuld, oh König, hat er nun den
​zweiten, den du aus der Jungfrau geformt hast, gekreuzigt? Aus welchem Grund hat er
​auch Räuber mit ihm zusammen aufgehängt? Warum wurde der,
‚der keine Sünde
​begangen hat und in dessen Mund keine Hinterlist gefunden wurde,
unter die Feinde
​gerechnet?‘
Ist [da] etwa [nicht des Teufels] verfluchenswerte Absicht erkennbar?
​Offenkundig beneidet er sozusagen dein Abbild, Herr. Ohne irgendeinen Anlass geht
​er auf mich los und trachtet danach, mich zu vernichten. Erweise aber du dich mir
​gegenüber als ein gerechter Richter! Du hast mir des Sünders Adam wegen gezürnt,
​für den ich dich, wenn du Adam ohne Sünde mit dir verbunden hast, beschwöre,
​versöhnt zu sein. So sei es, jenes wegen hast du [die Menschen] der Verderbtheit
​überlassen, um dieses willen [aber] lasse [sie] der Unverdorbenheit teilhaftig werden.
​Ein jeder von ihnen ist von meiner [S. 34:] Natur. So wie ich an dem ersten im Tod
​teilhatte, will ich auch Anteil am unsterblichen Leben des zweiten haben. Ich bin ge­‐
​stärkt durch unzweifelhafte und unbezwingbare Einwände. Auf jede Weise überwinde
​ich den Gegner. Wenn er wegen der Verderbtheit, die mir von Adam her zuteil wurde,
​einen Streit anfangen möchte, werde ich umgekehrt aus dem Leben jenes ausführlich
​berichten, der keine Sünde begangen hat, und wenn jener mich des Ungehorsams
​jenes [Adams] wegen anklagt, werde ich ihn des Gehorsams dieses [Christus] wegen
​zum Angeklagten machen.

​Des Sieges über den Teufel wegen triumphierte Christus und sagte: „Jetzt ist das
​Gericht über diese Welt, jetzt wird der Fürst der Welt hinausgestoßen.“
Denn so wie
​der Teufel die Schuld des Erstgeschaffenen gegen seine ganze Nachkommenschaft
​bewahrt und die ursprüngliche Tat verursacht hat, so siegte die Natur, nachdem sie
​Besitz ergriffen hatte von den in Christus schuldlosen Erstlingen aus dem
Erdklum­‐
​pen,
indem sie alle Kräfte gegen den Teufel aufbot, [und zwar] mit eben den Verteidi­‐
​gungsmitteln, die der Gegner zuvor an sich gerissen hatte. Denn gegen den Teufel
​führt sie in gerechtester Weise den in Christus schuldlosen Ursprung ihrer Erstlinge
​an, wenn dieser die älteren Begründungen für die von Adam her [bestehende] Schuld
​geltend macht, und das ist es, was Paulus sagt:
„Christus, 〈der〉 gestorben ist“ für unse­‐
​re Sünden, „ja der sogar auferstanden ist, der zur Rechten Gottes sitzt und der für uns
​Einspruch erhebt.“
Denn unsere ‚mit Christus bekleidete Körpermasse‘ erhebt Ein­‐
​​ spruch, ganz und gar frei von jeder Sünde, und wendet sich in gerechter Verteidigung
​gegen unsere Strafe, die jener, der zuerst geformt wurde, vom Anfang her seinem
​Geschlecht aufgebürdet hat.

​Dies ist die passende Gelegenheit für den angenommenen Menschen, als Mensch
​durch das Fleisch die Verderbtheit aufzulösen, die durch das Fleisch entstanden ist.

​Dieses Menschen Begräbnis erfolgt am dritten Tag, nicht [das] der Gottheit. Dieses
​[Menschen] Füße wurden mit Nägeln gehalten. Diesen [Menschen] hat der Heilige
​Geist im Mutterleib geformt. Über dieses Fleisch sagt der Herr zu den Juden:
„Zer­‐
​stört diesen Tempel, und ich werde ihn innerhalb von drei Tagen [wieder] aufrichten.“

​Bezeichne etwa ich alleine Christus als zweifach? Nennt er sich etwa nicht selbst
​ebenso einen zerstörbaren Tempel wie einen aufrichtenden Gott? Wenn es aber Gott
​wäre, der zerstört wurde (diese Gotteslästerung soll auf das Haupt des Arius um­‐
​gelenkt werden), hätte der Herr gesagt: ‚Zerstört diesen Gott, und innerhalb von drei
​Tagen wird er [wieder] aufgerichtet werden.‘ Wenn aber Gott getötet im Grab läge,
​[dann] hätte Christus gelogen, als er sagte:
„Was sucht ihr mich zu töten, den Men­‐
​schen, der ich euch Wahres gesagt habe?“
Aber Christus ist nicht ein bloßer 〈Mensch〉,
​oh du Verleumder, sondern zugleich Mensch und Gott. Wenn er aber nur als Gott
​subsistierte, müsste er gemäß Apolinarios sagen: ‚Was sucht ihr mich zu töten, den
​Gott, der ich euch die Wahrheit gesagt habe?‘ Nun aber sagt er:
„Was sucht ihr mich,
​den Menschen, zu töten?“
Er, der mit Dornen gekrönt wurde, er, der sagt: „Gott,
​mein Gott, warum hast du mich verlassen?“,
er, der einen drei Tage währenden Tod
​erduldet hat.

​Ich bete aber diesen zusammen mit der Gottheit als einen an der göttlichen Au­‐
​torität Mitwirkenden an. Denn die Schrift sagt: „Es sei offenbar, Brüder, dass uns
​durch Christus die Vergebung der Sünden verkündigt wird.“
Ich verehre [ihn]
​​ gleichsam als das Instrument der Güte des Herrn.
„Denn seid“, sagt [die Heilige
​Schrift], „gütig gegeneinander, habt Mitleid [und] 〈vergebt〉, so wie auch Gott uns in
​Christus vergeben hat.“
Ich verehre ihn gleichsam als die Kurie der Ratschlüsse
​Gottes.
„Ich will nämlich, dass ihr zur Erkenntnis des Geheimnisses Gottvaters und
​Christi gelangt, in dem alle Schätze der Weisheit und des Wissens verborgen liegen.“

​Ich blicke zu ihm empor als zu dem, der sich bei uns durch eine Formel für Gott ver­‐
​bürgt.
„Der mich geschickt hat“, sagt er, „ist wahrhaftig und ich sage das, was ich von
​ihm selbst gehört habe.“
Ich preise ihn glücklich als den Bürgen des ewigen Friedens.
​
„Denn er selbst“, sagt [die Schrift], „[ist] unser Friede, der beides zu einem gemacht
​hat [und] die in der Mitte stehende Mauerwand, die Feindschaften, in seinem Fleisch
​durchbrochen hat.“
Ich verehre [ihn] als das Versöhnungsmittel des göttlichen Zorns.
​[S. 35:] Es heißt:
„Gott hat Christus hingestellt als Versöhnungsmittel des Glaubens
​um des Glaubens willen in seinem Blut.“
Ich liebe und verehre [ihn] als den Anfang
​der Unsterblichkeit der Sterblichen.
„Er selbst“, sagt nämlich [die Schrift], „ist das
​Haupt des Leibes der Kirche, [er], welcher der Anfang ist, der Erstgeborene von den
​Toten.“
Ich umarme [ihn] als ein Spiegelbild der widerstrahlenden Gottheit. Denn
​
„Gott“, sagt [die Heilige Schrift], „war in Christus, um die Welt mit sich zu ver­‐
​söhnen.“
Ich will ihn anbeten als den beseelten Purpur des Königs. „In der Gestalt
​Gottes eingesetzt“, sagt nämlich [die Schrift], „hat er sich selbst entäußert, hat die
​Gestalt eines Knechts angenommen und erschien seinem Äußeren nach als ein
​Mensch.“
Ich lobe [ihn] als die Hand der Gottheit, die mich vom Tod ins Leben reißt.
​Denn
„wenn ich“, sagt er, „erhoben werde von der Erde, dann werde ich alle zu mir
​hinziehen“,
und wer jener [ist, der] erhöht wird, zeigt der zuverlässige [Evangeli­‐
​en]schreiber folgendermaßen:
„Dies sagte er nämlich um anzuzeigen, welchen Tod er
​sterben werde.“
Ich bewundere [ihn] als die Eingangstür zum Göttlichen. Denn „ich
​bin die Tür“, sagt er. „Wer durch mich hineingegangen ist, [der] wird befreit werden
​und eintreten und hinausgehen und eine Wohnung finden.“
Ich bete [ihn] als das
​Abbild der allmächtigen Gottheit an. Denn
„Gott hat ihn hoch erhoben“, sagt [Pau­‐
​lus], „und ihm [jenen] Namen gegeben, der über allen Namen steht,
damit sich in
​seinem Namen jedes Knie der Himmlischen, der Irdischen und der Unterirdischen
​beuge.“

​Des Verborgenen wegen bete ich an, was den Augen sichtbar ist. Gott ist un­‐
​trennbar. Ich trenne nicht die Würde dessen, der sichtbar ist, denn er ist untrennbar.
​Ich trenne die Naturen, aber ich verbinde die Verehrung. Nicht aus sich selbst heraus
​​ ist Gott, was im Mutterleib geformt wurde, nicht aus sich selbst heraus ist Gott, was
​vom Heiligen Geist geschaffen wurde, nicht aus sich selbst heraus ist Gott, was im
​Grab beigesetzt wurde. Denn sonst wären wir offensichtlich Verehrer eines gestorbe­‐
​nen Menschen. Aber weil ja Gott in dem Angenommenen [ist], wird um des Anneh­‐
​menden willen der, welcher angenommen [und] gleichsam mit dem Annehmenden
​verbunden wurde, Gott genannt. Deswegen schrecken auch die Dämonen vor dem
​Wort ‚gekreuzigtes Fleisch‘ zurück, weil sie nämlich wissen, dass Gott mit dem
​gekreuzigten Fleisch verbunden war, aber nicht mitgelitten hat. Deshalb wird er auch
​als Richter kommen, der sich dem Blick [der Menschen] ausgesetzt hat, weil er ja mit
​der allmächtigen Gottheit verbunden ist.
„Dann“ nämlich, sagt [der Evangelist], „wird
​das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen und sie werden den Men­‐
​schensohn auf den Wolken des Himmels kommen sehen mit großer Kraft und
​Herrlichkeit.“
Denn so wie sich ein König nach einem errungenen Sieg mit den
​Waffen in den Städten zeigt, mit denen er den Feind im Krieg besiegt hat, und will,
​dass er mit eben diesen gesehen wird, so wird auch der Herr und König aller mit
​[seinem] Kreuz und Fleisch in seine Schöpfung kommen, um mit den Waffen sichtbar
​zu sein, mit denen er die Gottlosigkeit besiegt hat, und er wird den Erdkreis in der
​Gestalt eines Menschen mit allmächtiger Kraft richten gemäß der Verkündigung des
​Paulus, der sagt:
„Denn Gott, der über die Zeiten der Unwissenheit hinwegsah, hat
​allen Menschen, die jetzt leben, befohlen, Buße zu tun. Denn er hat den Tag bestimmt,
​an dem er den Erdkreis richten werde in einem Mann, durch den er seinem Beschluss
​gemäß allen den Glauben gewährte, indem er ihn von den Toten erweckte.“
Dies wur­‐
​de deshalb gesagt, damit niemand argwöhne, dass die Gottheit gestorben sei.

​Auch wenn du das ganze Neue Testament vollständig am Stück durchforschst,
​wirst du nirgendwo in ihm finden, dass der Tod Gottes beschrieben ist, sondern dass
​[der Tod] entweder dem Sohn oder Christus oder dem Herrn zugeschrieben wird.
​Denn [die Begriffe] ‚Christus‘, ‚Sohn‘ und ‚Herr‘, die in den Schriften für den Einge­‐
​borenen verwendet werden, dienen der Bezeichnung der zwei Naturen, zuweilen der
​Gottheit oder der Menschheit, zuweilen [aber auch] beider zugleich. Wenn Paulus
​zum Beispiel in seinen Schriften verkündigt: [S. 36:] „die wir, als wir [noch] Feinde
​waren, mit Gott durch den Tod seines Sohnes versöhnt wurden“,
zeigt er dessen
​Menschheit. Wenn er allerdings zu den Hebräern sagt: „Gott hat zu uns in [seinem]
​Sohn gesprochen, durch den er auch die Weltzeiten geschaffen hat“,
zeigt er auch die
​Gottheit des Sohnes. Denn das Fleisch, das erst nach vielen Zeitaltern geschaffen
​wurde, ist nicht der Schöpfer der Weltzeiten. Siehe, [dies ist] ein angemessener Beweis
​für die Benennung des göttlichen und des menschlichen Wesens des Gottessohnes.

​Wir fragen jetzt, ob dieser Name, das heißt ‚Christus‘, auch als Sohn begriffen wird
​und ob eben dieser [Begriff auch] dazu dienen kann, beide [Naturen] zu bezeichnen.
​„Jesus Christus“, sagt [die Heilige Schrift], „gestern und heute, derselbe auch in Ewig­‐
​​ keit.“
Denn so wie er als Gott und Mensch subsistiert – nach Paulus ein- und der­‐
​selbe –, ist er sowohl ganz neu als auch von Ewigkeit her. Als Mensch nämlich ist er
​unlängst [entstanden], als Gott ist er von der Ewigkeit her.

​Es wurde dir also gezeigt, dass der Name ‚Christus‘ bald den Tempel, bald den in
​jenem wohnenden Gott bezeichnet. Prüfe, wo [der Begriff] ‚Herr‘ auch der Person
​des Sohnes zugeschrieben wird! Dieser bezeichnet freilich bald den Menschen, bald
​den Gott. „Kommt“, sagt [die Heilige Schrift], „[und] seht den Ort, wo der Herr
​niedergelegt wurde.“
Und wiederum, als die Frau den Leib des Herrn beweinte, als ob
​er von den Juden gestohlen und weggebracht worden sei, sagt die Schrift: „Sie haben
​meinen Herrn weggebracht.“
Und Paulus sagt zu den Galatern: „Von den anderen
​Aposteln sah ich keinen außer Jakobus, den Bruder des Herrn.“
Und wiederum [sagt
​er] auch zu den Korinthern: „Sooft ihr dieses Brot esst und diesen Kelch leert,
​verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er [dereinst] kommt.“
Und wiederum: „Herr,
​wie ich sehe, bist du ein Prophet.“
All dies sind Beweise für die Fleischwerdung des
​Herrn, weil es nicht das göttliche Wort war, das im Grab niedergelegt wurde (denn wie
​hätte [der] auferstehen können, „der das Universum stützt mit dem Wort seiner
​Macht“,
wenn er nach Arius [im Grab] lag?), aber auch [weil] die Frauen nicht das
​Wesen Gottes beweinten, als sei dies durch einen Diebstahl vom Grab weggeschafft
​worden (denn wer würde argwöhnen, dass die Gottheit für diebische Hände greifbar
​ist?), und auch weil die Gottheit keinen Bruder Jakobus hatte und wir nicht den Tod
​des göttlichen Wortes verkündigen, wenn wir vom Leib und Blut des Herrn kosten

​(denn die Natur Gottes hat das Opfer auf sich genommen, nicht wurde sie selbst
​durch ein Opfer geopfert), und [schließlich] weil Gott kein Prophet ist, sondern der
​Geber der Weissagung, so dass an dieser Stelle, wie ich gesagt habe, ‚Herr‘ Ausdruck
​für das Fleisch ist, das gewissermaßen die Würde des Herrn besitzt, das aber keines­‐
​wegs durch Mischung oder Beimischung in die Substanz der Gottheit übergegangen
​ist. Anderswo aber verweist ‚Herr‘ auf die Gottheit, so wie es bei jenem [Ausspruch]
​der Fall ist: „Einer [ist] Gott, der Vater, von dem alles [ist], und einer [ist] der Herr
​Jesus Christus, durch den alles [ist].“
Denn Schöpfer von allem ist Christus von der
​Gottheit, nicht von der Menschheit her, die, wie es erwiesen ist, [erst] nach der Schöp­‐
​fung geschaffen wurde. Anderswo aber dient, wie ich gesagt habe, ‚Herr‘ zur Bezeich­‐
​nung beider Dinge, so wie es [hier der Fall] ist: „Herr Jesus, mögest du ihnen dies
​nicht als Sünde anrechnen.“
Und: „Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: Herr,
​Herr,
haben wir etwa nicht in deinem Namen die Dämonen vertrieben?“, und Paulus:
​​ „[die Krone der Gerechtigkeit], die mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag
​geben wird, nicht nur mir, sondern auch allen, die seine Ankunft fromm hochachten.“

​Hast du gesehen, wie Christus sowohl Sohn als auch Herr [ist]? Wenn die Schrift
​des Eingeborenen gedenkt, will sie, dass es Begriffe bald für die Bezeichnung der
​Menschheit, bald der Gottheit, bald aber beider [Naturen] gibt. Warum also ver­‐
​mischst du, was unvermischt ist? Warum beziehst du den Begriff ‚Gott‘ auf den Tod
​[Christi], der von der Heiligen Schrift nirgends bei der Erwähnung [seines] Todes
​angeführt wird? Wie kommst du in [deiner] nichtigen Vorstellung zu dem Urteil, die
​Gottheit sei geboren und gestorben, wenn du hörst, wie Paulus ausruft: „[Denn] Gott
​[hat den Tag bestimmt, an dem er die Welt richten werde] in einem Mann, [durch den
​er seinem Beschluss gemäß allen den Glauben gewährte,] indem er ihn von den Toten
​erweckte“?
{Paulus} erklärt aber richtig, dass dieser Mann, der sichtbar war, auch als
​Richter kommen werde, weil ja [S. 37:] der Teufel den Menschen, der von diesem
​[Gott] als [sein] Abbild geformt und mit der Herrschaft über die Erde ausgezeichnet
​war, zum Fraß für die Würmer gemacht hat. Christus kommt in der Zukunft mit all­‐
​mächtiger 〈Kraft〉 in Menschengestalt, damit eben der Teufel, der mit allen zusammen
​auch selbst unter der Herrschaft Gottes stand, durch [diesen] Beweis erkenne, dass
​‚der Mensch‘, der wahrhaft ‚zum Abbild und Ebenbild Gottes geschaffen‘ und als
​König und Herr der Erde eingesetzt wurde, durch Steigerung [seiner] Würde auch
​zum Himmelreich erhoben wurde.

​Aber euer Verlangen zu hören übersteigt [die Möglichkeiten] unserer Predigt, und
​nachdem ich eingestanden habe, dass ich erschöpft bin, fliehe ich in die Schweigsam­‐
​keit, obwohl ich wünsche, stets durch euer Verlangen zu hören bezwungen zu werden.
​Deshalb wollen wir die Annahme der Menschheit des Herrn verehren, das Geheimnis
​seiner Fleischwerdung in unaufhörlichen Hymnen preisen, die Jungfrau als Empfän­‐
​gerin Gottes [aber], wenn wir uns Gedanken über Gott machen, nicht zusammen mit
​Gott zum Göttlichen erheben.
Ich sage θεοδόχος, nicht θεοτόκος, weil ich den
​Buchstaben Chi nicht als Kappa zum Ausdruck bringen möchte. Denn Gottvater ist,
​um es ihnen selbst gemäß zu sagen, als einziger θεοτόκος, das heißt Erzeuger Gottes,
​dem [auch als einzigem] diese zusammengesetzte Bezeichnung zukommen soll. Wir
​wollen also die mit der unsichtbaren verbundene sichtbare Gestalt zusammen mit
​Gott zum Göttlichen rechnen. Τὴν φορουμένην τῷ φοροῦντι συντιμήσωμεν φύσιν
, das
​heißt, dass wir die Natur, welche die Hülle Gottes ist, zusammen mit dem, der von ihr
​​ Gebrauch macht, verehren wollen,
gleichsam als einen Strahl der Gottheit, um es so
​auszudrücken. Wir wollen die Fleischwerdung ehrfürchtig betrachten wie ein von der
​göttlichen Würde untrennbares Abbild [von ihr], wie ein Bild des Verborgenen oder
​das Standbild eines Richters. Obwohl wir die Naturen trennen, wollen wir ihre
​Verehrung verbinden. Wir wollen den zweifachen [Christus] bekennen und ihn anbe­‐
​ten als einen. Denn [obwohl] zweifach hinsichtlich der Naturen, ist er [doch] einer
​gemäß der Einheit. Wenn ein Häretiker dir im Namen der Kirche deinen Gott als ge­‐
​storben vorhält, entgegne du zornig auf das Gesagte: ‚Gott ist es, der den großen
​Hirten der Schafe von den Toten auferweckt hat‘,
nicht er selbst wurde getötet und
​emporgehoben. Wenn ein Jude sagt, dass du einen Menschen verehrst, führe als
​Antwort die apostolische Tradition an: „Gott war in Christus, um die Welt [mit sich]
​zu versöhnen.“
Wenn ein Heide nach dem Grund für die Annahme der Menschheit
​〈forscht, indem er fragt, auf welche Weise〉 durch die Annahme 〈der Menschheit〉 die
​Vergebung der Sünden erfolge, antworte ihm [mit den Worten], die von Paulus stam­‐
​men: „Weil ja der Tod durch einen Menschen [gekommen ist], ist auch durch einen
​Menschen die Auferstehung von den Toten [gekommen]. So wie in Adam alle sterben,
​so werden in Christus alle lebendig werden.“
Ihm selbst [sei] Ruhm in alle Ewigkeit.

​Ende.

​

1 Predigt]

Bei Loofs, Nestoriana S. 265,3-6 griech. Titel: Πρὸς τοὺς διὰ τὴν συνάφειαν ἢ τὴν θεότητα τοῦ μονογενοῦς νεκροῦντας ἢ ἀποθεοῦντας τὴν ἀνθρωπότητα, der auf Kyrills Brief an die Apokrisiare (CV22,2,4 – 6, ACO I,1,1 S. 110,21–23 [Dok. 8]) zurückgeht.

2–3 die … sind]

Zur griech. Fassung des Incipits s. Loofs, Nestoriana S. 265,5f.: Τὰς 〈μὲν εἰς ἐμὲ〉 παρὰ τῶν αἱρετικῶν λοιδορίας [...] ὡς ἐπὶ λήρων γενομένας, das auf Kyrills Brief an die Apokrisiare (CV22,2,6 – 7, ACO I,1,1 S. 110,23f. [Dok. 8]) zurückgeht.

8–9 Die … Heimsuchung]

Ps 63(64),8.

15–16 Viperngezücht … seid]

Mt 12,34.

26 den … wohnen]

Jes 40,22.

29–33 Ein … Grab]

Mt 27,57-60; Mk 15,42–47; Lk 23,50–55.

36 Einer … Seite]

Joh 19,34.

38 Sogleich … heraus]

Joh 19,34, vgl. 1 Joh 5,6.

45 Ich … verwandelt]

Mal 3,6. Vgl. Kyrill im Brief an die ägyptischen Mönche (CV1,15,1 – 18, ACO I,1,1 S. 16,32–17,12 [Dok. 5]), der in diesem als Frage vorgebrachten Zitat: „Inwiefern ist er also [noch] derselbe und hat sich nicht verändert?“, seinen Argumentationsstrang gipfeln lässt, der darauf zielt zu zeigen, dass der Logos (bzw. das göttliche Wort) eine Wandlung zum Besseren hin durchgemacht haben müsste, wenn er erst durch den Heiligen Geist zum Gott gesalbt wurde, da er dann in den Zeiten davor eben nicht Gott gewesen wäre. Nestorius kontert diesen Angriff, indem er das Zitat umgekehrt als abschließenden Beweis dafür benutzt, dass Gott eine Wandlung zum Schlechteren hin hätte erfahren müssen, wenn er nicht den Menschen Hilfe gebracht, sondern selbst am Boden gelegen hätte.

45–46 Du … gehen]

Ps 101(102),28.

49–60 Deshalb … aufgespürt]

Zur griech. Fassung s. Loofs, Nestoriana S. 267,11–268,3.

50–51 Gott‌² … auferweckt‌¹]

Apg 2,32, vgl. 5,30; Eph 1,20.

53 Gott … auferweckt]

Apg 2,32, vgl. 5,30; Eph 1,20.

55 der … seht]

Zum Singular (clamavit) und Plural (palpate et videte) an dieser Stelle vgl. Anm. zu CV166,V,6,7 – 8 (Dok. 25).

55–56 Berührt … seht]

Lk 24,39.

59 Mein … Gott‌¹]

Joh 20,28.

63–65 Be­rühre … seht‌¹]

Lk 24,39.

68–73 Über … hört]

Zur griech. Fassung s. Loofs, Nestoriana S. 268,11–17.

69–70 Diesen … worden]

Apg 2,32f., vgl. 5,30f.; Eph 1,20.

71–73 Nachdem … hört]

Apg 2,33.

75–77 Er … annahm]

Phil 2,6f. Kyrill benutzt dieses Bibelzitat im Brief an die ägyptischen Mönche (CV1,13,5 – 8, ACO I,1,1 S. 16,4–7 [Dok. 5]) als Ausgangspunkt für seine Beweisführung, dass Maria den Logos bzw. das gött­li­che Wort dem Fleisch nach geboren habe.

77–83 So … hat]

Zur griech. Fassung s. Loofs, Nes­to­ri­ana S. 268,21–269,5.

77–79 Er … ist]

Hebr 1,2f. Nestorius lässt hier dem vorangegangenen Bibelzitat ganz unmittelbar ein zweites folgen, das auch Kyrill für seine Argumentation heran­ge­zo­gen hatte (Hebr 1,3, vgl. CV1,8,11, ACO I,1,1 S. 13,29 [Dok. 5]). Nestorius macht sich Phil 2,6f. (s. hierzu oben Anm. zu CPal21,75 – 77) und Hebr 1,3 zunutze, um seine Zweinaturenlehre zu beweisen. Das gelingt ihm bei Hebr 1,3 umso besser, als er Hebr 1,2 mit hinzunimmt und den „Erben“ der Menschheit Christi, den „Abglanz der väterlichen Herrlichkeit“ aber seiner Gottheit zuweisen kann.

83–267 Deswegen … erweckte]

Der Abschnitt ACO I,5 S. 32,22–35,34 (Loofs, Nestoriana S. 253,11–263,10) gehört nach Loofs Ansicht eigentlich in CPal20 (Dok. 1), vgl. Anm. zu CPal20,67 – 68.

84 welcher … ist]

Hebr 1,3.

88 Am … Wort]

Joh 1,1.

90–91 Am … Wort]

Joh 1,1.

91 Seinsform … Wesens]

existentia essentiae (S. 32,29), dagegen substantia existentiae (Loofs, Nestoriana S. 254,1 und CPal29,IX,3, ACO I,5 S. 57,10 [Dok. 26], vgl. auch Anm. zu dieser Stelle).

95–103 Seid … wird]

Zur griech. Fassung s. Loofs, Nestoriana S. 254,5–12.

95–97 Seid … annahm]

Phil 2,5–7.

109 außerordentlichen … Güte]

Denkbar ist auch ein Bezug von inaestimabilis auf benignitatis: „Dank für [seine] unschätzbare Güte“.

110 Denn … sterben]

Röm 5,7.

117–120 Denn … galten]

Die Übersetzung folgt hier Loofs (Nestoriana S. 255,6–10), insofern der Satz anders als bei Schwartz (S. 33,7–9) nicht als Frage verstanden wird.

121–122 Denn … Gottes]

Röm 3,23.

127–129 Christus … Gerechtigkeit]

Röm 3,24f., vgl. Eph 1,7.

139 Ihr … sein]

Gen 3,5.

141–142 Dies … anbetest]

Mt 4,9.

143–144 Weiche … dienen]

Mt 4,10, vgl. Dtn 6,13.

146–147 Er … geheftet]

Kol 2,14.

150 die … haben]

Eph 1,7, vgl. Kol 1,14; 1 Kor 1,30.

155 für ihn]

Ob sich eius auf den Teufel oder auf Adam bezieht, ist nicht eindeutig.

158–159 der‌² … wurde]

Vgl. 1 Petr 2,22; Jes 53,9; 2 Kor 5,21.

159–160 unter … gerechnet]

Vgl. Lk 22,37; Jes 53,12.

175–176 Jetzt … hinausgestoßen]

Joh 12,31. 16,11.

179–180 Erdklum­pen]

Bei massa handelt es sich um eine Anspielung auf Gen 2,7 und Röm 9,21–24.

184–186 Christus … erhebt‌¹]

Röm 8,34.

186–210 Denn … an]

Vgl. CPal29,X,1 – 24, ACO I,5 S. 57,18–33 (Dok. 26). Doch weichen die beiden Texte besonders am Anfang deutlich voneinander ab. In CPal21, ACO I,5 S. 34,14–18 heißt es: interpellat namque Christo induta massa nostra, libera prorsus ab omni peccato, et oritur in iusta defensione contra poenam nostram, quam ex initio ille qui prior figuratus est, suo generi intulit. haec suscepti hominis occasio, ut homo per carnem dissolveret quae per carnem orta est corruptio, und in CPal29,X, ACO I,5 S. 57,18–22: Nostra enim natura pro nobis interpellat in Christi usu tamquam vestis constituta, inculpabilis originis suae defensionibus nitens, et quia, sicut ille ad peccatum, qui prior figuratus est, totius generis extitit causa, huic suscipiendi hominis, o homo, occasio fuit, ut per carnem destrueretur corruptio quae per carnem contigerat. Loofs (Nestoriana S. 258) äußert die Vermutung, dass Marius Mercator die beiden Texte „unabhängig voneinander übersetzt hat; es muss ihm auch in beiden Fällen ein bereits korrumpierter griechischer Text vorgelegen haben.“ Loofs selbst bietet eine dritte Fassung des Anfangs, indem er CPal21 mit Hilfe von CPal29,X korrigiert. Der Anfang lautet bei ihm folgendermaßen (S. 258,3–259,3): interpellat namque pro nobis a Christo tanquam vestis induta natura nostra, libera prorsus ab omni peccato et inculpabilis originis suae defensionibus nitens, sicut ad poenam ex peccato ille, qui prior figuratus est, suo generi exstitit causa. haec suscepti hominis occasio, ut homo per carnem dissolveret, quae per carnem orta est corruptio. Mit dieser Version kommt Loofs der Auffassung des Nestorius bezüglich der zwei Naturen sicherlich am nächsten. Zu dem proble­ma­ti­schen Nominativ corruptio s. unten Anm. CPal21,190 – 191.

186 mit … bekleidete]

Vgl. Gal 3,27; Röm 13,14.

186 Körpermasse]

Massa ist hier wie oben eine Anspielung auf den aus dem Erdklumpen er­schaf­fe­nen Menschen, s. Anm. zu CPal21,179–180.

190–191 Dies … ist]

Der Text scheint an dieser Stelle korrupt. Will man an corruptio statt corruptionem festhalten, bleibt nur die Konstruktion: ut homo per carnem dissolveret quae per carnem orta sunt, [id est] corruptio. In dem Nestorius-Fragment CPal29,X findet sich folgende Textfassung (ACO I,5 S. 57,20–22): [...] huic suscipiendi hominis, o homo, occasio fuit, ut per carnem destrueretur corruptio quae per carnem contigerat (vgl. auch oben Anm. zu CPal21,186 – 210).

194–195 Zer­stört … aufrichten]

Joh 2,19; Mk 15,29; Mt 26,61.

201–202 Was … habe]

Joh 8,40.

202–210 Aber … an]

Zur griech. Fassung s. Loofs, Nestoriana S. 259,16–260,7.

205–206 Was … töten]

Joh 8,40.

206–207 Gott … verlassen]

Mt 27,46, vgl. Ps 21(22),2.

210–211 Es … wird]

Apg 13,38, vgl. 10,43.

212–214 Denn … hat]

Eph 4,32, vgl. Kol 3,12f.

215–216 Ich … liegen]

Kol 2,1–3.

218–219 Der … habe]

Joh 8,26. 7,28.

218–219 ich‌¹ … habe]

Joh 8,26. 7,28. 7,38. 12,50. 15,15.

220–222 Denn … hat]

Eph 2,14.

223–224 Gott … Blut]

Röm 3,24f., vgl. Eph 1,7.

225–227 Er … Toten]

Kol 1,18, vgl. Eph 1,22. 5,23; 1 Kor 15,20.

228–229 Gott … ver­söhnen]

2 Kor 5,19.

229–232 In … Mensch]

Phil 2,6f.

233–234 wenn … hinziehen]

Joh 12,32.

235–236 Dies … werde]

Joh 12,33. 18,32. 21,19.

236–238 ich … finden]

Joh 10,9.

238–255 Ich … ist]

Vgl. CPal29,XI,1 – 18, ACO I,5 S. 57,34–58,5 (Dok. 26).

238–251 Ich … genannt]

Zur griech. Fassung s. Loofs, Nestoriana S. 261,17–262,12.

239–242 Gott … beuge]

Phil 2,9f.

240–242 damit … beuge]

Phil 2,10, vgl. Jes 45,23; Röm 14,11; Offb 5,13.

255–258 Dann … Herrlichkeit]

Mt 24,30.

264–267 Denn … erweckte]

Apg 17,30f.

275–276 die … wurden]

Röm 5,10, vgl. 2 Kor 5,18; Eph 2,16; Kol 1,20.

277–278 Gott … hat]

Hebr 1,1f.

284–285 Jesus … Ewig­keit]

Hebr 13,8.

291–292 Kommt … wurde]

Mt 28,6.

293–294 Sie … weggebracht]

Joh 20,13.

294–295 Von … Herrn]

Gal 1,19.

296–297 Sooft … kommt]

1 Kor 11,26.

297–298 Herr … Prophet]

Joh 4,19.

300–301 der‌² … Macht]

Hebr 1,3.

301 wenn … lag]

Und also nicht aus sich selbst heraus, sondern nur mit Hilfe Gottvaters auferstehen konnte. Nestorius spitzt hier die Ansicht des Arius, dass der Sohn ein Geschöpf des Vaters und deshalb kein wahrer Gott sei, auf die einseitige Festlegung zu, Christus sei ausschließlich ein Mensch.

304–305 und‌¹ … kosten]

Zur griech. Fassung s. Loofs, Nes­to­ri­ana S. 271,1–3.

312–313 Einer … ist‌¹]

1 Kor 8,6.

316–317 Herr … anrechnen]

Apg 7,59.

317–318 Viele … vertrieben]

Mt 7,22.

318 haben … vertrieben]

Mt 7,22; Mk 9,37. 16,17; Lk 9,49.

319 die‌²]

Den Worten iustitiae corona im Bibeltext müsste korrekt quam, nicht quem folgen.

319–320 die‌² … hochachten]

2 Tim 4,8.

327–330 Denn … erweckte]

Apg 17,31.

336 der‌¹ … geschaffen]

Vgl. Gen 1,26.

338 wurde]

Loofs (Nestoriana S. 272–275) nimmt eine Lücke nach sublimatus an und versucht den Text zu rekonstruieren.

343–345 die … erheben]

Zur griech. Fas­sung s. Loofs, Nestoriana S. 276: τὴν θεοδόχον τῷ θεῷ λόγῳ συνθεολογῶμεν μορφήν, τὴν θεοδόχον τῷ θεῷ μὴ συνθεολογῶμεν παρθένον.

345 θεοδόχος]

D.h. Gottesempfängerin.

345 θεοτόκος]

D.h. Gottesgebärerin.

347 heißt … Gottes]

Nach Loofs (Nestoriana S. 276) von Marius Mercator als Erklärung ergänzt.

350 Τὴν … φύσιν]

D.h. „Wir verehren die fortwährend getragene Natur zu­sam­men mit [ihrem] Träger.“

351–352 heißt … wollen]

Nach Loofs (Nestoriana S. 276) von Marius Mercator als Erklärung ergänzt.

359–360 Gott … hat]

Vgl. Hebr 13,20.

362–363 Gott … versöhnen]

2 Kor 5,19.

364 durch … Annahme]

Gemäß der von Schwartz als Folge seiner Textergänzung vorgeschlagenen notwendigen Änderung von adsertionem in adsertione. Zur Problematik dieser Stelle vgl. auch Loofs, Nestoriana S. 276f.

366–368 Weil … werden‌²]

1 Kor 15,21

Die Akten des Konzils von Ephesus 431. Übersetzung, Einleitung, Kommentar

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