CPal34 (Dok. 16): Predigt des Nestorius gegen die Pelagianer (sermo 30 [Auszüge])

Inhalt: Die beiden ersten Abschnitte schildern das paradiesische Dasein, das Gott Adam vor dem Sündenfall gewährt hat. Der dritte Absatz beschreibt kurz die schlimme Lage der Menschen nach dem Fall. Breiter Raum wird dann dem Erlösungswerk Christi eingeräumt. Dieser habe sich als Mittler zwischen Welt und Gott der Menschheit angenommen und sie von der Macht des Teufels befreit. Die Befreiung sei an das Sakrament der Taufe geknüpft, die einem jeden Teilhabe an der himmlischen Gnade gewähre. Wie in CPal31 (ACO I,5 S. 62 [Dok. 13]) lässt Mercator seine Aus­wahl aus der Nestorius-Predigt mit einem abschließenden Hinweis auf die Katechumenen enden, die ohne Taufe keinen Anteil an der Befreiung vom Teufel hätten, wobei die Worte des Nestorius „Christo, cui est gloria in saecula“ darauf weisen, dass Ende der Auswahl und Ende der Predigt in diesem Fall identisch sind.

Edition: Collectio Palatina 34, ACO I,5 S. 64,3–65,10; ältere Edd.: Garnier (1673), Bd. 1 S. 80–82; Baluze (1684), S. 128–130; PL 48, Sp. 197–202; Loofs, Nestoriana S. 347–350

Verzeichnisnummern: –

Verfasser: Nestorius von Konstantinopel, Marius Mercator (Übers.)

Datierung: Spätestens 429 (zur Datierung s. oben S. XXVIII,9–XXIX,2)

Griech. Original: –

Weitere lat. Fassungen: –

Literatur: Konoppa (2005), S. 329–331

​Ebenso eine andere Predigt desselben über Adam an die Gemeinde:

​Mich bewegt der Wunsch der nach Belehrung strebenden Hörer, doch [meine]
​Schwäche verleitet eher zum Schweigen. Aber die geschuldete Priesterpflicht besiegt
​doch die Kraft der Krankheit.

​Denn bald, als das Gebot erging, brachte [Gott], gleichsam um hierdurch den
​Fortschritt der menschlichen Natur in der Weisheit zu zeigen, Tiere vor die Augen
​Adams, der ihnen einzeln gemäß der Natur eines jeden aus dem Stegreif Namen gab
​und die Namensquellen gewissermaßen sprudeln ließ und ausgoss.
Jedenfalls war es
​Gott, 〈der〉 „das, was nicht war, benannte, als ob es wäre“,
Adam aber [benannte das],
​was nicht benannt war, als ob es bereits benannt worden sei. Oh, für wieviele Gaben
​hast du, Adam, Gott nicht Dank gesagt! Du wurdest aus Staub geformt, wohntest im
​Paradies, lebtest im Überfluss der Genüsse, frei von Schmerzen genossest du das
​Vergnügen, ohne jede Sorge fielen dir die Reichtümer zu. Auch warst du der Schüler
​Gottes.

​Und dort weiter unten: Du wurdest zum ersten Namensgeber gemacht. Die wilde
​Natur der Raubtiere hat gehorsamer als die mit Vernunft Begabten vor dir gestanden.
​Du hast bei der Vergabe der Bezeichnungen für die Tiere das Gesetz gegeben. Du
​hattest eine Unterredung mit dem Schöpfer.

​Und dort weiter unten: Die Engel, die infolge der Verführung der Sünder beleidigt
​waren, wurden, als sie wahrnahmen, wie schwer unsere Strafe [war], nicht wenig
​​ bewegt, gingen zu Gott und riefen: „Willst du, dass wir gehen und das Unkraut
​zusammenlesen?“
Trotzdem erhofften die Dämonen gleichsam ein Aufgehen der
​ganzen Welt in Flammen wie in Sodom
oder erwarteten eine Sintflut, die heftiger war
​als [die] zu Zeiten Noahs.
Der Teufel wiederum zog jenen Schuldschein hervor, der
​wider die Natur ist [und] der lautet: „Du bist Erde und wirst zu Erde vergehen“, und
​mit ihm setzte er [den Menschen] zu, indem er Generationen von ihnen durch den
​Tod dahinraffte.

​Weil wir deshalb in einer so schwierigen Lage ohne Hoffnung auf Besserung waren,
​kam es [schließlich] zu einer sehr großen Zahl an Entsühnungen der Natur. Denn der
​Mittler zwischen Erdkreis und Gott wurde geboren, nicht so wie Jeremia oder
​irgendein anderer der Propheten, die [im Vergleich mit Christus] einflusslos sind,
​sondern [als einer], der die mit ihm verbundene Geberin dessen, was er will, [nämlich]
​die Gottheit, besitzt. Nicht ist er der Mittler eines einzigen Volkes, wie Mose der der
​Juden, sondern [er ist], wie Paulus sagt, „der eine Gott und Mittler zwischen Gott
​und den Menschen, der Mensch Christus Jesus“.
Der Mensch [ist] die Person, in der
​er erscheint und sich zeigt, Gott [ist] 〈von Natur unsichtbar, Christus〉 aber ist die mit
​der Gottheit verbundene vermittelnde Natur,
die für unsere Natur gegen den Teufel
​[unsere] Sache auf sich nimmt.

​Jener zog die von Adam her [entstandene] Sünde wie einen Schuldschein hervor,
​Christus dagegen strebte 〈nach〉 der Annulierung dieser Schuld kraft eines Fleisches
​ohne Sünde. Jener verlas die Verdammnis, die durch Eva die ganze Natur befallen
​hatte, Christus aber brachte die Rechtfertigung, die dem [Menschen]geschlecht durch
​die selige Maria widerfahren war. Jener ließ die Zügellosigkeit beim Essen im Paradies
​offenbar werden, Christus hingegen zeigte, dass man der menschlichen Natur in ihm
​ohne jede Sünde Essig zu trinken gab.
Er entkräftete alles, was der Teufel gegen uns
​vorbrachte, und er verkündete [seinen] Sieg in diesem Verfahren, indem er sagte: „Jetzt
​ist der Gerichtsspruch über diese Welt.“
In mir, sagt er, wird diese Welt gerichtet, durch
​meine Fleischwerdung wird sie überwunden. „Jetzt“, sagt er, „ist das Gericht über
​diese Welt, und der Fürst dieser Welt wird hinausgetrieben werden“
wie ein dreister
​Rechtsverdreher aus dem Gerichtsverfahren, der den [bereits] bezahlten Schuldschein
​hervorholt und kampfbereit auf die losspringt, die keine Schulden [mehr] haben.

​​ Aber diese Wohltat verschafft allen das notwendige Sakrament der heilbringenden
​Taufe. Denn wer in der Taufe abgewaschen wurde, wird zum Haus dessen gehören und
​vereint und vertraut mit dem, der jenen Schuldschein bezahlt hat, und er wird zusam­‐
​men mit eben diesem zum Bewohner der Himmel. „Denn wo ich bin“, heißt es, „dort
​wird auch mein Diener sein.“
Der Katechumene aber bleibt gleichsam ein fernste­‐
​hender Schuldner dessen,
der [seinen] Schuldschein annuliert hat. Wenn seine Seele
​vom Fleisch geschieden ist,
sagt 〈der Teufel〉 zu den Engeln, den Führern der Seelen,
​indem er sich dazwischenstellt: „Warum entreißt ihr [mir] diese meine hervorragende
​Seele? Ihr macht euch an mein Recht, meinen Besitz, ihr macht euch an meine Schuld­‐
​ner heran.“ Und, wie es bereits offenbar ist, behauptet sich keine Rede besser bei den
​Menschen als die über die Katechumenen,
weil der Teufel Folgendes hinzufügt: „Jene
​verschließen ihnen auf Erden die Türen der Kirchen,
ihr aber eilt [ihnen] von den
​Himmeln her zu ihrer Aufnahme entgegen. Ihr versucht, oh Engel, meinem Recht Ge­‐
​walt anzutun. Denn was scheint euch mit den Katechumenen zu verbinden? ‚Sie
​wurden nicht aus Wasser und Geist wiedergeboren‘,
um von euch zum Himmelreich
​geführt zu werden. Sie haben der Erbschaft, die mir unterworfen ist, nicht entsagt.
​Wenn sie den königlichen Erlaubnisschein nicht haben, wie wollen sie [dann] den Weg
​auf königlicher Bahn zurücklegen?“

​Aber diese Einwände des Teufels gegen die Natur sind jetzt verstummt, dem jene
​getaufte Natur mit Vertrauen entgegenruft: „Denn er hat uns mit auferweckt und da­‐
​für gesorgt, dass wir mitsitzen in den Himmeln in Christus“,
dem Ehre in Ewigkeit
​ist.

5 als … erging]

Vgl. Gen 2,16f.

5–8 brachte … ausgoss]

Vgl. Gen 2,19f.

9 das‌¹ … wäre]

Röm 4,17.

16 die … Begabten]

Gemeint sind wohl die Schlange bzw. der Teufel und Eva.

18 Unter­re­dung]

Im Lateinischen tautologisch ausgedrückt durch sermone [...] mutuo.

21–22 Willst … zusammenlesen]

Mt 13,28f.

22–23 ein … Sodom]

Vgl. Gen 19,24–29.

23–24 eine … Noahs]

Vgl. Gen 6–8.

25 Du … vergehen]

Gen 3,19.

31 die … sind]

Es ist nicht ganz klar, wie die Worte qui contempti sunt zu verstehen sind. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Anspielung auf Jer 2,8, wo der Herr den Propheten vorwirft, sie hingen wirkungslosen Götzen an. Denkbar ist aber auch, dass hier auf Mk 6,4 oder Joh 4,44 angespielt wird, wo es jeweils heißt, dass Propheten besonders in ihrem näheren Umfeld geringgeschätzt werden. In diesem Fall müsste die Übersetzung lauten: die verachtet werden.

34–35 der … Jesus]

1 Tim 2,5.

36–37 Gott … Natur‌¹]

An dieser Stelle scheint der Text verderbt zu sein. Die von Schwartz vorgeschlagene Ergänzung natura invisibilis, Christus bringt zwar eine klare Struktur in den Satz, das inhaltliche Verständnis bleibt jedoch schwierig. Hätte der Text ursprünglich tatsächlich so gelautet, hieße das, dass der Name ‚Christus‘ gewissermaßen für eine dritte, vermittelnde Natur steht, während er sonst bei Nestorius die Verbindung der menschlichen und der göttlichen Natur bezeichnet.

44–45 man … gab]

Vgl. Mk 15,36.

46–47 Jetzt … Welt‌¹]

Joh 12,31.

48–49 Jetzt … werden]

Joh 12,31.

55–56 Denn … sein]

Joh 12,26.

56–57 fernste­hender … dessen]

Der Genitiv eius bei alienus ist ein Gräzismus. Zu den Gräzismen im Werk des Marius Mercator vgl. Anm. zu CPal36,2 (Dok. 17).

57–58 Wenn … ist]

D.h. wenn der Katechumene noch vor der Taufe stirbt.

61–62 behauptet... Ka­te­chu­me­nen]

Der Text scheint an dieser Stelle verderbt zu sein. Loofs (Nestoriana S. 349f.) schließt eine Lücke vor melior nicht aus.

62–63 Jene … Kirchen]

Weil sie an der Eucharistie noch nicht teilnehmen dürfen.

65–66 Sie … wiedergeboren]

Vgl. Joh 3,5, vgl. auch Ez 36,25–27; Mt 3,11; Tit 3,5.

69 auf … Bahn]

Vgl. Num 20,17.

71–72 Denn … Christus]

Eph 2,

Die Akten des Konzils von Ephesus 431. Übersetzung, Einleitung, Kommentar

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