CV14 (Dok. 35): Brief des Johannes von Antiochia an Nestorius

Inhalt: Johannes von Antiochia wendet sich in einem Brief an Nestorius, um diesen darum zu bitten, in der Auseinandersetzung mit den Anhängern der gegnerischen Fraktion nicht weiter an christologi­schen Detailfragen festzuhalten, sondern den θεοτόκος-Titel um der Einheit der Kirche willen zweck­mäßigerweise anzuerkennen.

Edition: Collectio Vaticana 14, ACO I,1,1 S. 93,5–96,26; ältere Edd.: Labbé/Cossart (1671–1672), Bd. 3 Sp. 387–395; Coleti (1728–1734), Bd. 3 Sp. 937–944; Mansi, Bd. 4 Sp. 1061–1068; PG 77, Sp. 93–96

Verzeichnisnummern: CPG 6316

Verfasser: Johannes von Antiochia

Datierung: November 430

Lat. Übersetzungen: Collectio Casinensis 19, ACO I,3 S. 44–47

Literatur: Price/Graumann (2020), S. 176–180

​(4) Ich will Deiner Gottesfurcht jedoch weder in Richtung eines anstößigen Wan­‐
​dels der Ausdrucksweise zureden noch einer unbedachten Widersprüchlichkeit, wie
​man sagen könnte. Weil von dir vielmehr oft vor vielen gesagt worden ist, wie ich
​​ erfahren habe, dass du, während du im Hinblick auf dieses fromme Denken nicht vom
​Wege abweichst, allein den Begriff ablehnst, wenn dir aber einige unter den in der
​Kirche Angesehenen auch dies vorhalten, du es ohne Zweifel nicht verwehrst, dass
​man die heilige Jungfrau auch Gottesgebärerin nennt,
aus diesem Grund rege ich dich
​zu dem an, was dir eigen ist, indem ich dazu aufrufe zu zeigen, was ich erfahren habe,
​dass du [nämlich] in deinem Denken nicht fehlgehst, sondern, indem du einer Sache
​einen Begriff und eine Bezeichnung zugestehst, die von vielen unter den Vätern befür­‐
​wortet, ausgesprochen und geschrieben worden ist, auch keinen Begriff gänzlich von
​dir weist, der von einem Denken zeugt, welches einer frommen Seele entspricht.

​Diese Bezeichnung wurde nämlich von keinem der kirchlichen Lehrer zurückge­‐
​wiesen. Denn jene, die sie verwendeten, waren zahlreich und bekannt, und jene, die sie
​nicht verwendeten, griffen diejenigen, die sie verwendeten, nicht an. Und wir über­‐
​sehen, wie es scheint, aufgrund einer übertriebenen Genauigkeit, die ihren Blick allein
​auf die fehlerhafte häretische Meinung richtet, törichterweise das aus keinem zwin­‐
​genden Grund geplagte Gewissen der Brüder, wenn wir eine Bezeichnung ablehnen,
​deren Sinn wir mit gutem Recht akzeptieren. Wenn wir nämlich das, was durch sie
​vermittelt wird, nicht akzeptieren, kommt am Ende heraus, dass wir uns im Hinblick
​auf viele Dinge täuschen, vielmehr sogar in Gefahr geraten, wenn es um den unaus­‐
​sprechlichen Heilsplan des einziggeborenen Sohnes Gottes geht. Denn aus der Auf­‐
​hebung dieser Bezeichnung oder eben aus dem, was durch sie vermittelt wird, wird
​unmittelbar folgen, dass weder derjenige, der den Heilsplan für uns auf sich genom­‐
​men hat, Gott wäre, noch der Gott-Logos,
indem er sich zur ‚Gestalt eines Knechtes‘
​hin entäußert hätte,
im Hinblick auf uns ein unsagbares Maß an Menschenliebe
​gezeigt hätte, wiewohl die göttlichen Schriften in besonderer Weise die gegenüber uns
​[gezeigte] Menschenliebe bekräftigen, wenn sie den vorzeitigen, gleich ewigen und
​einziggeborenen Sohn Gottes ohne Leid für den Logos zur Geburt durch eine Jung­‐
​frau herabführen nach dem, was von dem göttlichen Apostel gesagt wurde:
„Gott ent­‐
​sandte seinen Sohn, entstanden aus einer Frau“,
welcher dabei deutlich auf die unaus­‐
​sprechliche Geburt des Einziggeborenen durch eine Jungfrau, wie ich zuvor sagte,
​hinweist.
Wenn die Jungfrau aufgrund der Geburt von den Vätern angesprochen wird,
​wie sie nun auch angesprochen wird, [eben] mit diesem Namen, weiß ich nicht, wes­‐
​wegen wir diese unnötige Untersuchung (mit mir als Mitwissendem), die sich gegen
​​ uns selbst und den kirchlichen Frieden richtet, wie du siehst, unternommen haben. Es
​liegt nämlich keine Gefahr darin, dasselbe zu sagen und zu denken wie die innerhalb
​der Kirche Gottes angesehenen Lehrer, deren Namen aufzuzählen müßig wäre. Nichts­‐
​destoweniger muss man sie kennen, da wir darauf, dass man selbst und wir alle ihre
​Schüler sind, stolz sind.

4 | 4–7 dass … nennt]

Nestorius hatte sich in einer seiner Predigten dahingehend geäußert, dass er den θεοτόκος-Titel akzeptiere, sofern dieser nicht dogmatisch gebraucht würde (vgl. Loofs, Nestoriana S. 272,13 –273,17 = CV166,I,1,1 – 11, ACO I,1,6 S. 34,20–31 [Dok. 25]). Wenn man die Worte des Johannes vor dem Hintergund solcher Äußerungen verstehen darf, sollten sich hinter den angeführten kirchlichen Autoritäten eher zeitgenössische Kleriker verbergen. Anders sehen es aber z.B. Price/Graumann (2020), S. 179 Anm. 321, die davon ausgehen, dass mit ihnen wahrscheinlich Kirchenväter früherer Tage gemeint sind.

4 | 22–33 Denn … hinweist]

Bereits Coelestin hatte in seinem Brief an Johannes und die an­de­ren Bischöfe den Heilsplan, also die Erlösung des Menschengeschlechts, und die Jung­frauen­geburt in unmittelbaren Zusammenhang gestellt (vgl. CVer6,4,7 – 8, ACO I,2 S. 21,24f. [Dok. 32]). Möglicherweise betont Johannes diesen Zusammenhang auch aus diesem Grund hier recht nachdrücklich.

4 | 25–26 indem … hätte]

Vgl. Phil 2,7.

4 | 30–31 Gott … Frau]

Gal 4,4.

Die Akten des Konzils von Ephesus 431. Übersetzung, Einleitung, Kommentar

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