CV15 (Dok. 34): Kyrills Brief an Juvenal von Jerusalem

Inhalt: Kyrill wendet sich in einem Brief an Juvenal von Jerusalem, um diesem von seinen erfolglosen Versuchen, Nestorius zu einer Abkehr von seiner Christologie zu bewegen, zu berichten und ihn da­rum zu bitten, nach der entschiedenen Erklärung des Bischofs von Rom in dieser Angelegenheit nun zum Wohle der Kirche an einem Strang mit ihm zu ziehen.

Edition: Collectio Vaticana 15, ACO I,1,1 S. 96,27–98,3; ältere Edd.: Labbé/Cossart (1671–1672), Bd. 3 Sp. 386f.; Coleti (1728–1734), Bd. 3 Sp. 936f.; Mansi, Bd. 4 Sp. 1057–1060; PG 77, Sp. 104f.

Verzeichnisnummern: CPG 5316

Verfasser: Kyrill von Alexandria

Datierung: zwischen August und November 430

Lat. Übersetzungen: Collectio Casinensis 17, ACO I,3 S. 41f.

Literatur: Price/Graumann (2020), S. 157f.

​Ich, Kyrill, grüße meinen ersehnten Bruder und Mitdiener Juvenal im Herrn.

​Ich habe dafür gebetet, dass der überaus fromme Bischof Nestorius den Spuren
​jener, die in gutem Ruf stehen, und dem rechten Glauben folgt (denn wer unter de­‐
​nen, die vernünftig denken, betete nicht dafür, dass jene, denen es zugefallen ist, die
​Herden des Retters zu leiten, in höchstem Ansehen stehen?). Da sich die Natur der
​Sache für uns jedoch entgegen der Hoffnungen entwickelt hat (denjenigen, von dem
​wir erwartet haben, dass er ein edler Hirte sein wird, haben wir schließlich als Verfol­‐
​ger des rechten Glaubens ausgemacht), ist es nunmehr nötig, an unser aller Retter
​Christus zu erinnern, der da sagt: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden auf die Erde
​zu werfen, sondern das Schwert. Ich bin nämlich gekommen, um den Menschen mit
​seinem Vater zu entzweien.“
Wenn aber der Krieg sogar auch gegen die Eltern für uns
​frei von Tadel und Schelte ist, vielmehr sogar voll von jeglichem Lob, wenn wir ent­‐
​schlossen sind, gemeinsam für die Herrlichkeit Christi zu kämpfen, wie besteht [da]
​nicht jede Notwendigkeit, auch wenn wir in der Überzeugung, einen Bruder zugrunde
​zu richten, Tränen vergießen, sich mit gottgefälligem Eifer zu gürten und gleichsam den
​[Menschen] auf der ganzen Welt Folgendes zuzurufen: „Wenn einer mit dem Herrn
​ist, soll er zu mir kommen.“
Ich habe ihm nämlich durch das eine und das andere
​Schreiben wie einem Bruder zugeredet, nicht den eigenen Überlegungen zu folgen,
​sondern dem rechten und apostolischen Glauben, der den Gemeinden überliefert ist,

​da ich glaubte, er mache sich von der Verschrobenheit seiner Schriften los. Doch das
​Heilmittel der Auseinandersetzung brachte nichts. Der Ratschlag ist ohne Wirkung
​geblieben, und er war so weit davon entfernt,
den Lehren der Wahrheit zu folgen, dass
​​ er einen Brief
mit eigener Unterschrift
an mich schickte, in welchem er Vorwürfe er­‐
​hebt wie jemand, der gekränkt wurde, und offen bekennt, dass die heilige Jungfrau
​keine Gottesgebärerin sei,
was eindeutig heißt, dass er behauptet, dass der Immanuel
​nicht wahrhaftig Gott sei, an dem wir die Hoffnung auf Rettung festmachen.

​Weil er aber glaubte, er werde die Kirche von Rom an sich reißen können, schrieb
​er an meinen überaus frommen und gottesfürchtigen Bruder und Mitdiener Coelestin,
​den Bischof der Kirche von Rom, wobei er in die Briefe die Verdrehtheit seiner Lehren
​einfließen ließ.
Er hat aber auch zahlreiche Deutungen geschickt, aufgrund derer er
​überführt ist, verdrehtes Zeug zu denken, und schließlich konsequenterweise als Häre­‐
​tiker verurteilt worden ist. Nachdem nun der erwähnte überaus fromme und gottes­‐
​fürchtige Bischof der Kirche von Rom Coelestin in eindeutiger Weise über ihn ge­‐
​schrieben und die Korrespondenz an mich geschickt hatte,
dachte ich, dass es nötig
​sei, diese weiterzuleiten und Deine von Haus aus auf frommen Eifer ausgerichtete
​Gottesfurcht durch das Schreiben dazu anzureizen, dass wir uns aus einer Gesinnung
​und einem entschlossenen Willen heraus mit der Liebe zu Christus gürten, die in
​Gefahr schwebenden Völker retten und die so glänzende Kirche aufrichten werden,
​wenn wir alle miteinander zu einer Übereinkunft gekommen sind und nach dem fest­‐
​gelegten Muster ihm und den Völkern Weisung erteilen. Wenn wir Erfolg haben und
​ihn der Wahrheit entsprechend zur Umkehr bringen sollten im Hinblick darauf, was er
​gedacht hat, haben wir einen Bruder gewonnen und einen Hirten bewahrt. Wenn
​unser Ratschlag allerdings ohne Wirkung bleiben sollte,
wird er, indem er sich das, was
​ihm widerfährt, selbst auferlegt, die Früchte seiner eigenen Arbeit essen. Wir müssen
​aber notgedrungen auch dem christusliebenden und überaus frommen Kaiser und
​allen, die in Amt und Würden stehen, schreiben und dazu raten, einen Menschen nicht
​höher zu schätzen als die Frömmigkeit gegenüber Christus,
sondern der Welt Sicher­‐
​heit im Hinblick auf den rechten Glauben zu gewährleisten und die Schützlinge von
​einem schlechten Hirten zu befreien, wenn er sich nicht den Ratschlägen aller fügt.

​Grüße die Bruderschaft um dich herum. Die in unserer Umgebung grüßt dich im
​Herrn.

9–11 Ich … entzweien]

Mt 10,34f., wobei die Junktur ἐπὶ τὴν γῆν aus dem unmittelbar vorangehenden, aber nicht mit zitierten Satz in das Zitat gezogen worden ist.

16–17 Wenn … kommen]

Ex 32,26, wobei allerdings der Satzteil, der hier in der Protasis erscheint, in der LXX als Frage formuliert ist.

17–19 Ich … ist]

Kyrill hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die ersten beiden (CV2 u. CV4) seiner drei Briefe an Nestorius abgesandt.

22 und … entfernt]

καὶ τοσοῦτον ἀπέσχε: Die nämliche Junktur verwendet Kyrill auch in seinem Brief an Johannes von Antiochia, um die Reaktion des Nestorius auf seine Bemühungen zu beschreiben (vgl. CV13, ACO I,1,1 S. 92,9).

22–25 dass … sei]

Vgl. den zweiten Brief an Kyrill, in welchem sich Nestorius allerdings deutlich vorsichtiger ausdrückt als hier wiedergegben (vgl. CV5,7, ACO I,1,1 S. 31,2f.).

23 mit … Unterschrift]

Die persönliche Unterschrift hatte schon Coelestin in seinem Brief an die Bischöfe Johannes, Juvenal, Rufus u.a., den Kyrill kannte, als belastend gewertet (vgl. CVer6,3, ACO I,2 S. 21,19f.).

27–30 schrieb … ließ]

Vgl. die Briefe CVer3 und CVer4.

32–34 Nachdem … hatte]

Gemeint sind wahrscheinlich die Schreiben CVer1, CVer2, CVer5 und CVer6.

42–43 Wenn … sollte]
44 die … essen]

Vgl. Spr 1,31.

46–47 einen … Christus]

Sehr ähnlich formulierte Coelestin ebenfalls in Bezug auf Nestorius die christliche Pflicht in seinem Brief an Kyrill, auf den dieser mit dem hier vorliegenden Schreiben reagiert (vgl. CVer2,12, ACO I,2 S. 10,18f.).

48–49 und … fügt]

Vgl. CVer1,6, ACO 1,2 S. 6,14

Die Akten des Konzils von Ephesus 431. Übersetzung, Einleitung, Kommentar

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