Zweites Buch
‚Die Zunge ist‘ fürwahr ‚ein Feuer‘ und ‚ein nicht zu bändigendes Übel‘, wie
geschrieben steht. Weil er aber den daraus resultierenden Schaden abwehren möchte,
singt der Göttliches kündende David: „Stelle, Herr, eine Wache für meinen Mund auf
und eine Tür, die meine Lippen umschließt. Wende mein Herz nicht hin zu Reden der
Schändlichkeit.“ Denn angemessen reden zu können und genaue Kontrolle über die
Zunge zu haben, was man wohl sagen sollte oder nicht, ist vermutlich wahrhaft gott‐
gegeben, und das Gut steht in nicht geringer Achtung unter denen, die einen bewun‐
dernswerten Lebenswandel führen. Das Ungestüm in der Rede und die Zügellosigkeit
in der Haarspalterei sind voll von Gefahr und führt jene, die [davon] Gebrauch
gemacht haben, ‚in die Falle des Hades‘ hinab. Es steht aber geschrieben: „Tod und
Leben liegen in den Händen der Zunge. Jene aber, die sie beherrschen, werden ihre
Früchte essen.“ Es hat aber auch ein anderer unter den Weisen zu uns gesagt: „Wenn
du ein Wort der Einsicht hast, antworte! Wenn aber nicht, soll eine Hand auf deinem
Mund liegen.“ Wie wäre Schweigen nämlich nicht besser als törichtes Wort?
Verpönt ist es aber andererseits auch, widerwärtige Worte auszustoßen und frevleri‐
sche Äußerungen auf die unaussprechliche Herrlichkeit auszugießen, wo es doch
nötig ist, dass sie von uns mit nicht endendem Lobpreis verehrt wird. ‚Wenn wir aber
gegen die Brüder sündigen und das schwächelnde Gewissen plagen, sündigen wir
gegen Christus.‘ So hat es nämlich der Göttliches kündende Paulus geschrieben. Und
ich sage das, nachdem ich die Reden des Nestorius gelesen und gesehen habe, dass er
es uns nicht nur in Abrede stellt, sagen zu dürfen, dass die heilige Jungfrau eine Got‐
tesgebärerin ist – sie hat aber doch den Immanuel, der Gott ist, geboren –, sondern er
zudem auch noch auf andere Weise die Herrlichkeit Christi zu bekämpfen weiß. Er
versucht uns nämlich zu zeigen, dass er [sc. Christus] jemand ist, der Gott in sich
trägt, und kein wahrhafter Gott, sondern ein Mensch, der mit Gott auf Grundlage
einer Gleichheit an Würde verbunden ist. Im Gegensatz zu allen anderen scheint es
nämlich nur ihm allein richtig, so zu denken und zu sprechen, obwohl die katholische
Kirche, die Christus persönlich für sich bereitgestellt hat, die Makel des Mannes, der
solche Dinge geschrieben hat, nicht im Gesicht trägt, sondern vielmehr ohne Tadel ist,
die in jeder Hinsicht einwandfreie Erkenntnis in Bezug auf ihn [sc. Christus] besitzt
und die Überlieferung des Glaubens für sich verwaltet hat. Wir glauben nämlich an
einen Gott, den Vater, den Allherrscher, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsicht‐
baren und an einen Herrn Jesus Christus und an den Heiligen Geist. Da wir aber den
diesen zugeordneten Bekenntnissen der heiligen Väter folgen, sagen wir, dass der aus
Gott, dem Vater, dem Wesen nach entstandene Logos selbst wie wir geworden und
Fleisch und Mensch geworden ist, das heißt für sich einen Leib aus der heiligen
Jungfrau angenommen und ihn sich zu eigen gemacht hat. Auf diese Weise wird er
nämlich auch wahrhaft ein Herr Jesus Christus sein. Auf diese Weise werden wir ihn
wie einen verehren, da wir nicht Mensch und Gott separat bestimmen, sondern glau‐
ben, dass er als jemand, der in Gottheit und Menschheit [existiert], ein und derselbe
ist, also Gott und Mensch zugleich ist.
Der Erfinder der in unseren Augen neuesten Gottlosigkeit trennt jedoch, obwohl
er vorgibt, einen Christus zu bekennen, die Naturen vollständig und bestimmt jede
einzelne separat, indem er sagt, dass sie sich nicht wahrhaft miteinander vereinigen.
Indem er aber der Schrift nach ‚Vorwände für die Sünde anführt‘, denkt er sich irgend‐
ein Verfahren der Verbindung aus, welches allein, wie ich sagte, auf der Gleichheit der
Würde beruht, wie es sich selbstverständlich auch aus seinen Worten zeigen lassen
wird. Und er siedelt den aus Gott [gezeugten] Logos auf Basis einer Teilhabe wie in
einem gewöhlichen Menschen an, teilt aber die in den Evangelien [vorliegenden]
Aussagen auf, so dass er diese bald allein und individuell dem Logos zuordnet, bald
dem aus der Frau [Geborenen] für sich. Wie sollte es allerdings nicht für alle außer
Zweifel stehen, dass der Einziggeborene, der Gott ist, Mensch geworden ist, [und
zwar] nicht bloß aufgrund einer Verbindung, wie jener jedenfalls behauptet, die nach‐
barschaftlich oder eben verwandtschaftsartig gedacht wird, sondern auf Grundlage
einer wahrhaften Einung, unaussprechlich und den Verstand übersteigend, und dass er
auf diese Weise als ein Einziger wahrgenommen wird, ihm jede Aussage angemessen
ist und alles wie von einer Person gesprochen sein wird? Die Fleisch gewordene Natur
des Logos selbst wird nämlich nach der Einung nunmehr als eine wahrgenommen, wie
es durchaus auch bei uns selbst wahrgenommen werden kann. Der Mensch ist
schließlich in Wahrheit einer, auch wenn er aus ungleichen Elementen besteht, aus
Seele und Leib meine ich. Es ist aber nötig, auch an dieser Stelle hervorzuheben, dass
wir meinen, dass der mit dem Gott-Logos geeinte Leib mit einer vernunftbegabten
Seele beseelt ist, und wir fügen förderlicherweise noch Folgendes hinzu: Das Fleisch
ist gegenüber dem aus Gott [gezeugten] Logos dem Begriff der eigenen Natur nach
von anderer Art. Die Natur des Logos selbst ist aber dem Wesen nach noch einmal
von anderer Art.
Doch wenn die benannten Dinge auch als sich unterscheidend und im Hinblick auf
die naturhafte Andersartigkeit getrennt wahrgenommen werden, wird dennoch aus
beiden heraus ein Christus wahrgenommen, da sich Gottheit und Menschheit in einer
wahrhaften Einung miteinander vereinigt haben. Es bestätigt uns diesbezüglich die
göttlich inspirierte Schrift durch tausende Ereignisse und Berichte, wobei sie Beispiele
verwendet, durch welche man es auch ohne jede Mühe dahin bringt, das Geheimnis
Christi eindeutig verstehen zu können. Es sprach also der selige Prophet Jesaja: „Und
einer der Seraphim wurde zu mir gesandt und er hielt in der Hand eine glühende Koh‐
le, die er mit der Zange vom Altar genommen hatte. Und er berührte meinen Mund
und sprach: ‚Sieh, dies hat deine Lippen berührt und wird deine Gesetzlosigkeiten
hinwegnehmen und deine Sünden bereinigen.‘“ Wenn wir aber, soweit es möglich ist,
die Tiefe der Vision erforschen, meinen wir, dass die geistige glühende Kohle, die auf
dem Altar liegt, auf dem das von uns [erbrachte] Rauchopfer für Gott, den Vater,
Wohlgeruch verbreitet, nichts anderes als unser Herr Jesus Christus ist. Durch ihn
haben wir nämlich den Zugang erlangt und sind willkommen, da wir geistige Dienste
verrichten. Wenn diese göttliche Kohle nun die Lippen desjenigen, der sich ihr nähert,
berührt, weist sie ihn umgehend gereinigt und keiner Sünde teilhaftig aus. Auf welche
Weise sie jedoch die Lippen in uns berührt, zeigt der selige Paulus, wenn er sagt: „Das
Wort ist dir nahe in deinem Mund und in deinem Herzen. Denn wenn du in deinem
Mund Jesus ‚Herr‘ nennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten
auferweckt hat, wirst du gerettet werden. Mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerech‐
tigkeit, mit dem Mund wird das Bekenntnis gesprochen zur Rettung.“ Er wird aber
mit glühender Kohle verglichen, weil er aus zwei unterschiedlichen Elementen heraus
wahrgenommen, jedoch durch einen Zusammenschluss, der wahrhaftig ist, geradezu
zu einer Einung zusammengebunden wird. Wenn nämlich das Feuer in das Holz
eingedrungen ist, überführt es dieses in gewisser Weise auf elementarer Ebene in seine
eigene Herrlichkeit, obwohl es bewahrt, was es war.
Mit einer Perle aber setzt sich unser Herr Jesus Christus wiederum selbst gleich,
wenn er sagt: „Das Königreich der Himmel gleicht einem Kaufmann, der schöne Per‐
len sucht. Als er aber eine wertvolle Perle gefunden hatte, ging er fort, verkaufte, was
er besaß, und kaufte sie.“ Höre aber, wie er sich selbst auch auf andere Weise zeigt und
sagt: „Ich bin eine Blüte des Feldes, eine Lilie der Täler.“ Sie birgt nämlich in der eige‐
nen Natur den gottgeziemenden Glanz Gottes, des Vaters, verströmt ihn [sc. Gott]
aber wiederum wie einen Duft, übertragen auf den geistigen Wohlgeruch, meine ich.
Wie also bei der Perle und eben auch der Lilie der Körper als das, was die Grundlage
bildet, wahrgenommen wird, aber der Glanz in ihm oder eben der Wohlgeruch dem
eigenen Begriff nach als etwas anderes im Vergleich mit dem, worin sie angesiedelt
sind, das untrennbar Eingewachsene aber wiederum etwas ihnen Eigenes und den
Haltern nichts Fremdes ist, auf ebendiese Weise wollen wir es auch bei dem Immanuel
erwägen und bedenken. Gottheit und Fleisch sind nämlich ihrer Natur nach verschie‐
denartig, doch der Leib war dem Logos eigen, und der Logos ist nicht von dem mit
ihm geeinten Leib getrennt. So und nicht anders sollte nämlich der Immanuel, was
‚Gott mit uns‘ bedeutet, verstanden werden. Daher sagte er einmal als Mensch und,
indem er sich aus den Maßen der Entäußerung heraus offenbarte: „Niemand nimmt
mir mein Leben.“ Ein andermal sagt er aber wiederum als Gott, der als Logos existiert
und als aus dem Himmel [stammend] aufgefasst wird und als einer im Verbund mit
dem eigenen Fleisch: „Niemand ist in den Himmel aufgestiegen außer dem, der vom
Himmel herabgestiegen ist, dem Menschensohn.“
Obwohl die Heilige Schrift also den Sohn von jeder Seite her zu einer untrennbaren
und wahrhaften Einung zusammenschließt und im Glauben in eine Person überträgt,
nimmt dieser seltsame Kerl auf vielfältige Weise eine Trennung vor und redet sinnlos
sogar 〈gegen〉 Christus selbst daher, indem er 〈ausschließlich〉 den aus Gott, dem Vater,
[gezeugten] Logos Gott nennt, wie die Abhandlung selbstverständlich im weiteren
Verlauf {wie} zu geeigneter Gelegenheit und an geeigneter Stelle zeigen wird. Er gibt
jedenfalls vor zu fürchten, dass jemand, der von der Ehrfurcht vor der heiligen Jung‐
frau überwältigt ist und sie daher Gottesgebärerin nennt, in der Meinung, dass eine
Vermengung und Vermischung, eine gegenseitige wohlgemerkt, der Hypostasen statt‐
gefunden habe, Unschönes über die Lehren der Kirche ausgießt, obwohl dies niemand
denkt. Indem er aber, wie er meint, das Schlimme korrigiert, bringt er alles von oben
bis unten durcheinander, wobei er Überlegungen, die zum Richtigen und zur Wahrheit
führen, außer Acht lässt. Er sagte nämlich Folgendes: