CV166: Kyrill, ‚Gegen Nestorius‘

Inhalt: Kyrill unterzieht die Christologie seines Gegners Nestorius einer groß angelegten Kritik. Zu diesem Zweck zitiert er zahlreiche ihm anstößig erscheinende Aussagen, die jener im Vorfeld getätigt hatte, und stellt diesen dann seine eigenen Ansichten gegenüber.

Edition: Collectio Vaticana 166, ACO I,1,6 S. 13,4–106,41; ältere Edd.: PG 76, Sp. 9–248; Pusey (1965 [= 1868–1877]), Bd. 6 S. 54–239

Verzeichnisnummern: CPG 5217

Verfasser: Kyrill von Alexandria

Datierung: spätestens Mitte 430

Lat. Übersetzungen:  –

Literatur: Pusey (1881), S. 1–184.

Viertes Buch

Der Göttliches kündende Paulus 〈sagt〉, indem er zeigt, dass für diejenigen, die sich
entschlossen haben, fromm zu sein, der im Gesetz [vorhandene] Schatten im Hinblick
auf den Nutzen nicht ohne Einfluss ist, und auch das, was einst den Alten widerfahren
ist, wie eine Art Bild und Zeichnung des Wahrhaftigeren dem Denken aller auf gelun­
gene Weise nahebringt: „Das ist jenen in beispielhafter Weise widerfahren; es wurde je­
doch aufgeschrieben, um uns zurechtzuweisen, auf die das Ende der Zeiten zugekom­
men ist.“
Wohlan, lasst uns also, indem wir aus den Gesetzesschriften schöpfen, sagen,
auf welche Weise die aus Israel [Stammenden] in der Wüste ihr Lager aufschlugen, als
sie damals aus Ägypten aufgebrochen waren und sich mühten, in das Land der Verhei­
ßung zu gelangen. Nachdem die Elenden aber, weil sie nicht mehr an die Wunder in
Ägypten dachten und die Liebe zu Gott vergessen hatten, untereinander auf gottlose
Weise murrten,
‚wurden sie von den Schlangen zugrunde gerichtet‘, wie geschrieben
steht.
Sie entkamen allerdings den Bissen der Giftschleudern, weil Mose für sie eine
eherne Schlange errichtete, nachdem Gott, der Retter aller, verkündet hatte: „Fertige
dir eine Schlange und setze sie auf das Zeichen; und es soll geschehen, dass, wenn eine
Schlange einen Menschen beißt, jeder, der gebissen worden ist und sie anblickt, leben
wird.“
Die äußere Gestaltung war aber dabei ein Geheimnis, das auf Christus verweist.
Denn der einziggeborene Logos Gottes, der Gott ist und als Abkömmling eines guten
Vaters von Natur aus gut,
hat Anteil an Blut und Fleisch genommen, das heißt, er ist
Mensch wie wir geworden und uns, den Schlechten, wenigstens darin gleich,
eben
Mensch wie wir zu sein. Und er ist ebenfalls in die Höhe gesetzt worden, das heißt, er
hat das Kreuz,
das für ‚am Holz‘ steht,
und den fleischlichen Tod auf sich genommen,
auch wenn er nach drei Tagen ins Leben zurückkehrte, wobei er die Macht des Todes
mit Füßen trat.

Wenn wir also, da wir aufgrund allzu großen Unverstandes gegen den mit dem
Fleisch verbundenen Heilsplan murren und einen Mangel an Schönheit an ihm fest­
stellen, Scheu davor zeigen, zu denken und zu sagen, dass der Logos Gottes Mensch
wie wir geworden ist und sich wahrheitsgemäß mit Fleisch geeint hat, dann wird uns
der erzschlechte Drache töten, indem er das Gift seiner eigenen sittlichen Verdorben­
heit wie eine Verirrung in unsere Gedanken eingibt. Wir werden aber entkommen und
uns der Schäden, die aus seiner Schlechtigkeit resultieren, entledigen, wenn wir die
Schlange mit den Augen des Herzens anschauen, das heißt das Geheimnis Christi mit
genauer Überlegung betrachten. Dann nämlich, ja dann werden wir, die wir richtig
denken, ohne Zweifel bekennen, dass der Logos Gottes Fleisch geworden und aus
einer Frau hervorgekommen ist, wobei er Gott blieb, und dass ebenderselbe Gott und
zugleich Mensch ist, wobei er weder angesichts der Maße der Menschheit der Würde
seiner Majestät wegen errötet noch des menschlichen Elementes wegen der gottgezie­
menden Macht und des höchsten Ruhms beraubt ist. Jene aber, die wirklich gewohnt
sind, solches festzulegen, verstehen auf feinsinnige Weise und nach gründlicher Über­
legung durch beides den einen und das Geheimnis, das sich auf ihn bezieht, und sagen:
„Welch Tiefe des Reichtums sowohl an Weisheit als auch an Erkenntnis Gottes! Wie
unerforschlich sind seine Entscheidungen und wie unverfolgbar seine Wege!
Denn wer
hat den Sinn des Herrn erkannt?“

Da er dies jedoch – ich weiß nicht, warum – als unerreichbar und unschön zurück­
weist, erdreistet sich dieser Kerl, eine maßlose Anklage gegen den Ruhm und die Ma­
jestät unseres Retters zu erheben. Und als ob er ihm das uns entsprechende Maß und
nichts anderes zuweist, sagt er, dass er vom Heiligen Geist verherrlicht worden sei und
die durch ihn [zuteil gewordene] Macht nicht wie eine eigene verwendet und [so] die
göttlichen Zeichen vollbracht habe, sondern die Fähigkeit, irgendeins der Wunder zu
bewirken, von außen und in hinzugefügter Form erlangt habe, so dass er sich wohl als
jemand erweist, der wie wir die Gabe der Heilung erhalten hat und nach dem Vorbild
des seligen Paulus sagen muss: „Durch die Gnade Gottes bin ich aber, wer ich bin.“
Für die es nämlich etwas Fremdes und von außerhalb Kommendes ist, etwas zu sein
und bewirken zu können, die führen wohl zu Recht auch einen solchen Ausspruch im
Mund.

Als er allerdings, wie er glaubt, beweisen will, dass die heilige Trinität in jeder Be­
ziehung von gleicher Wirksamkeit ist, spricht er wiederum folgendermaßen:

IV-Praef | 4 wie … Bild]

Vgl. oben CV166,III,6,140 – 141 mit Anm.

IV-Praef | 5–7 Das … ist]

1 Kor 10,11.

IV-Praef | 10–12 Nachdem … murrten]

Vgl. z.B. Num 14,2. 17,6. 21,5; s. auch 1 Kor 10,10.

IV-Praef | 12–13 wurden … steht]

Vgl. 1 Kor 10,9; s. auch Num 21,6f.

IV-Praef | 14–17 Fertige … wird]

Num 21,8.

IV-Praef | 17–24 Die … trat]

Ähnlich in CV150,186,2 – 13, ACO I,1,5 S. 110,14–22 (Dok. 40) als Exegese von Joh 3,14f.

IV-Praef | 19–20 hat … gleich]

Vgl. Hebr 2,14.

IV-Praef | 22 das‌² … steht]

σταυρὸν [...] τὸν ἐπὶ ξύλου: vgl. Dtn 21,23; Gal 3,13; zur Junktur ὁ ἐπὶ ξύλου σταυρός s. außerdem Cyr. Joh. 12, Pusey (1965 [= 1868–1877]), Bd. 5 S. 64,8.

IV-Praef | 41–43 Welch … erkannt]

Röm 11,33f.

IV-Praef | 42–43 Denn … erkannt]

Vgl. Jes 40,13.

IV-Praef | 51 die … Heilung]

Vgl. 1 Kor 12,9.

IV-Praef | 52 Durch … bin‌²]

1 Kor 15,10.

Die Akten des Konzils von Ephesus 431. Übersetzung, Einleitung, Kommentar

Impressum

Förderung und Partner

  • Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
  • Universität Bonn
  • Universität Bern
Logo DFG
Logo Universität Bonn
Logo Universität Bern