CV166 (Dok. 25): Kyrill, ‚Gegen Nestorius‘

Inhalt: Kyrill unterzieht die Christologie seines Gegners Nestorius einer groß angelegten Kritik. Zu diesem Zweck zitiert er zahlreiche ihm anstößig erscheinende Aussagen, die jener im Vorfeld getätigt hatte, und stellt diesen dann seine eigenen Ansichten gegenüber.

Edition: Collectio Vaticana 166, ACO I,1,6 S. 13,4–106,41; ältere Edd.: PG 76, Sp. 9–248; Pusey (1965 [= 1868–1877]), Bd. 6 S. 54–239

Verzeichnisnummern: CPG 5217

Verfasser: Kyrill von Alexandria

Datierung: spätestens Mitte 430

Lat. Übersetzungen:  –

Literatur: Pusey (1881), S. 1–184.

​(2) „Er nimmt nicht die Engel an, sondern er nimmt die Nachkommenschaft Abra­‐
​hams
an.“ Ist die Gottheit denn etwa eine Nachkommenschaft Abrahams? Höre auch
​die anschließende Aussage:
„Daher musste er“, heißt es, „seinen Brüdern in jeder Hin­‐
​sicht gleich werden.“
Hatte der Gott-Logos denn etwa irgendwelche Brüder, die der
​Gottheit glichen?
Betrachte auch, was damit unmittelbar in Zusammenhang steht:
​
„Damit er barmherzig wird und zuverlässiger Hohepriester, was Gott anbelangt. Wo­‐
​rin er nämlich selbst gelitten hat und versucht worden ist, [darin] kann er denen, die
​versucht werden, helfen.“
Also ist der Leidende barmherziger Hohepriester. Leidens­‐
​fähig ist aber der Tempel, nicht
der lebenspendende Gott dessen, der gelitten hat. Der
​‚gestern und heute‘ [Existierende], nach dem Ausspruch des Paulus,
ist Nachkom­‐
​menschaft Abrahams, [und] nicht jener, der da sagt:
„Bevor Abraham entstand, bin
​ich.“
Seinen Brüdern in jeder Hinsicht gleich ist derjenige, der die Bruderschaft der
​menschlichen Seele und des Fleisches angenommen hat, nicht jener, der da sagt:
„Wer
​mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“

​Es nahm also, wie er gerade auch selbst bekannt hat, der Logos, der Gott ist, die
​‚Nachkommenschaft Abrahams‘ an. Inwiefern ist also der aus der ‚Nachkommen­‐
​​ schaft Abrahams‘ [Stammende] noch ‚Besitzer der Gottheit‘, wenn er von Gott hinzu­‐
​genommen wurde und man nicht sieht, dass er selbst die Gottheit hinzugenommen
​hat? Und die ‚Nachkommenschaft Abrahams‘ ist demnach wohl in keinem Fall die
​Natur der Gottheit, sondern vielmehr Leib des Gott-Logos im Sinne der Schriften
​und dessen Eigentum geworden. Und derjenige, der der Schöpfung seiner eigenen
​Natur nach als Gott nicht zugeordnet ist, hält es gerade zu dem Zeitpunkt, als er
​Mensch geworden ist, welcher ein Teil der Schöpfung ist, für richtig, und zwar voll­‐
​kommen zu Recht, uns auch Brüder zu nennen, indem er sagt: „Ich werde deinen Na­‐
​men meinen Brüdern verkünden.“
Dass sich aber der aus Gott, dem Vater, [gezeugte]
​Logos um des Maßes der Entäußerung willen auch dazu hinabbegeben hat, die
​[Menschen] auf der Erde aus seiner eigenen Sicht Brüder nennen zu müssen, soll der
​überaus weise Paulus verdeutlichen, der über ihn und uns geschrieben hat: „Denn der­‐
​jenige, der heiligt, und jene, die geheiligt werden, entstammen alle einem. Aus diesem
​Grund schämt er sich nicht, sie Brüder zu nennen, wenn er sagt: ‚Ich werde deinen
​Namen meinen Brüdern verkünden.‘“
Vor der Menschwerdung nämlich war die Be­‐
​zeichnung der Bruderschaft mit uns für den aus Gott entstandenen Logos vollkom­‐
​men unbedeutend. Als er aber in die freiwillige Entäußerung hinabgekommen ist, war
​sie auch unter diesen Umständen unbedeutend, außer dass sie einen passenden Aus­‐
​gangspunkt erhalten hat. Er hat nämlich Anteil an Blut und Fleisch erhalten und für
​jene, die in Fleisch und Blut stehen, den Namen Bruder erhalten. Denn wenn er zu­‐
​sammen mit uns geheiligt wird, insofern er Mensch geworden ist, obwohl er von
​Natur aus Gott ist und selbst den Geist gibt, inwiefern wird es nunmehr nicht ord­‐
​nungsgemäß gesprochen sein, wenn er auch Bruder genannt werden sollte? Schließlich
​ist er aus dem Grund wie wir geworden, dass er uns zu Brüdern und zu Freien erklärt.
​„All denen nämlich, die ihn angenommen“, heißt es, „denen hat er die Vollmacht
​verliehen, Kinder Gottes zu werden, da sie an seinen Namen glauben, sie, die nicht aus
​dem Blute, nicht aus dem Willen des Fleisches oder aus dem Willen eines Mannes,
​sondern aus Gott gezeugt worden sind.“
Denn der aus Gott, dem Vater, [gezeugte]
​Logos ist dem Fleisch nach zusammen mit uns geboren worden, auf dass auch wir an
​der Geburt aus Gott durch den Geist reichen Anteil hätten, wobei wir nicht mehr
​Kinder des Fleisches heißen, sondern vielmehr von Grund auf umgewandelt werden
​hin zu dem, was über der Natur steht, und aufgrund eines Gnadenaktes Kinder Gottes
​​ heißen. Der der Natur nach und wahrhaft einziggeborene Sohn ist nämlich wie einer
​von uns geworden, und die Aussage ist nicht gelogen. Es wird uns aber zudem der
​Göttliches kündende Paulus Bürgschaft leisten, wenn er an einer Stelle folgenderma­‐
​ßen spricht: „Weil ihr aber Söhne seid, entsandte Gott den Geist seines Sohn in eure
​Herzen, der da ruft: ‚Abba, Vater!‘“

​Warum drängst du also die Weisheit des Heilsplans in die Richtung ab, dass es den
​Anschein hat, er wäre nicht in der gebührenden Ordnung umgesetzt worden, wenn du
​sagst: ‚Ist die Gottheit denn etwa eine Nachkommenschaft Abrahams? Hatte er [sc.
​der Gott-Logos] denn etwa irgendwelche Brüder, die der Gottheit glichen?‘
Ist das
​denn nicht offensichtlicher Wahnsinn? Denn das, was zumindest dem Grundsatz des
​in Christus geschauten Heilsplans nach in solchem Maße richtig und frei von Tadel ist,
​in abwegiger Weise zu hinterfragen und in Verruf zu bringen, was ist das anderes als
​ein Beweis heftigster Umnebelung? Denn dem Bekenntnis nach ist der aus Gott, dem
​Vater, [gezeugte] Logos im Hinblick auf die Natur des Leibes oder auf den Grundsatz
​der in ihren eigenen Belangen vollendeten Menschheit uns ähnlich geworden und
​gleicht uns in jeder Beziehung außer allein der Sünde.
Wir wollen aber jenen, der sagt:
​‚Hatte der Gott-Logos denn etwa irgendwelche Brüder, die der Gottheit glichen?‘,
​fragen, was sich der überaus heilige Paulus dabei gedacht hat, als er einigen Menschen
​schrieb: „Ihr Kinderlein, für die ich abermals Geburtswehen leide, bis dass Christus in
​euch Gestalt annimmt.“
Und ebenso auf andere Weise auch an jene, die durch den
​Glauben im Geist vollendet sind: „Wir aber, die wir alle mit unverhülltem Gesicht die
​Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel betrachten, werden im Hinblick auf
​ebendieses Bildnis umgestaltet von Herrlichkeit zu Herrlichkeit wie vom Herrn, dem
​Geist.
Der Herr ist aber der Geist. Wo aber der Geist des Herrn ist, dort ist Freiheit.“
​Sagt er den Galatern dergleichen etwa als solchen, die keine Abdrücke der leiblichen
​Freiheit tragen, welche auf die dem Fleisch nach [bestehende] Nachkommenschaft
​Davids verweisen, und bringt sie unter Wehen zur Welt, auf dass ihnen Christus ir­‐
​gendwie eingeprägt werde und für sie dem Fleisch nach Gestalt gewinne? Warum soll
​nun aber nicht ein jeder, glaube ich, sogar ohne Zweifel sagen, dass die [Menschen] auf
​der Welt im Verhältnis zueinander alle gleichgestaltet sind und auch im Verhältnis zu
​Christus selbst, insofern er uns entsprechend als Mensch aufgefasst wird und mit uns
​zusammen? Was für eine Gestaltwerdung hin zu Christus forderte er bei ihnen? Oder
​auf welche Weise werden wir ‚von Herrlichkeit zu Herrlichkeit‘ umgestaltet? Was für
​eine Form geben wir auf, und zu welcher werden wir von Grund auf umgewandelt?
​Also soll der göttliche Mystagoge vorbeikommen und uns aufklären, der Priester der
​göttlichen Geheimnisse, ‚der Lehrer der Völker in Glaube und Wahrheit‘.
„Jene, die er
​zuvor erkannt hat“, sagt er, „und vorherbestimmt hat als gleichgestaltet mit dem Bild­‐
​nis des Sohnes selbst, die hat er auch berufen.“

​​ Wie ich also eben sagte, sind wir, insofern er Mensch geworden ist und der Nach­‐
​kommenschaft Abrahams entstammte, im Verhältnis zu ihm alle gleichgestaltet.
Alle,
​〈die〉 der Vater schon ‚zuvor erkannt hat‘, die Menschen auf der Erde, und ‚vorherbe­‐
​stimmt hat‘, die hat er als Berufene geheiligt und verherrlicht. Aber selbstverständlich
​sind nicht alle vorherbestimmt worden. Nicht alle sind geheiligt oder verherrlicht wor­‐
​den. Die Angelegenheit mit der Gleichgestaltung im Verhältnis zum Sohn wird also
​wohl nicht allein im Hinblick auf die Natur des Fleisches oder der Menschheit ver­‐
​standen, sondern auch auf andere Weise. Auch das erläutert uns der selige Paulus,
​wenn er sagt: „Wie wir das Bild des irdischen [sc. Menschen] getragen haben, werden
​wir auch das Bild des himmlischen tragen“,
wobei er mit ‚des irdischen‘ das Bild des
​Vorvaters Adam meint, mit ‚des himmlischen‘ allerdings das [Bild] Christi. Was also
​ist 〈das〉 erste Bild des Vorvaters? Die Bereitschaft zur Sünde, die Unterwerfung unter
​Tod und Verderben. Welches ist aber auf der anderen Seite das des himmlischen? Den
​Leidenschaften in keiner Weise zu unterliegen; das Fehlgehen nicht zu kennen; dem
​Tod und dem Verderben nicht zu unterliegen; die Heiligung, die Gerechtigkeit und
​alles, was damit verwandt ist und ihm nahe steht. Ich denke aber, dass es wohl der
​göttlichen und reinen Natur zukommt, diese Dinge zu besitzen. Denn stärker als Sün­‐
​de und Verderben sind Heiligung und Gerechtigkeit. Der aus Gott, dem Vater, [ge­‐
​zeugte] Logos bringt aber auch uns in diesen Dingen nach oben, indem er uns durch
​den Geist als ‚Teilhaber‘ an seiner eigenen ‚göttlichen Natur‘ ausweist.

​Er [sc. Christus] hat also Brüder, die ihm gleichen und das Bildnis seiner göttlichen
​Natur dem Wesen der Heiligung nach tragen. ‚Christus nimmt‘ nämlich so in uns
​‚Gestalt an‘,
wie uns der Heilige Geist von Grund auf vom Menschlichen hin zu dem
​Seinen umgestaltet. Deshalb sagte der selige Paulus auch zu uns: „Ihr aber lebt nicht
​im Fleisch, sondern im Geist.“
Der Sohn hat demnach keineswegs die Gesamtheit der
​geschaffenen Dinge in die Natur der eigenen Gottheit umgewandelt (das wäre nämlich
​nicht möglich). Vielmehr zeichnet sich die geistige Ähnlichkeit mit ihm auf jenen, die
​durch die Anteilnahme am Heiligen Geist zu ‚Teilhabern der göttlichen Natur‘ ge­‐
​worden sind,
in irgendeiner Weise ab, und die Schönheit der unaussprechlichen Gott­‐
​heit lässt die Seelen der Heiligen erstrahlen. Warum errötest du also nicht, wenn du
​uns lediglich die bloße Ähnlichkeit mit dem Fleisch zuweist und die göttliche und
​geistige Gestaltwerdung außer Acht lässt, sie vielmehr sogar vollkommen aufhebst?
​Der Herr des Alls und einziggeborene Gott hat sich jedenfalls unseretwegen in die
​Entäußerung hinabbegeben, um uns die Würde der Bruderschaft mit ihm und die
​liebenswerte Schönheit der ihm eigenen hohen Geburt zu verleihen. Dieser Mann aber
​beraubt uns der allerschönsten Güter und behauptet, dass uns bloß ein Mensch zum
​Bruder geworden sei, und weist, wie er glaubt, die Erklärung in dieser Angelegenheit
​für uns als glaubwürdig aus, indem er hinzusetzt:

​​ Betrachte auch, was damit unmittelbar in Zusammenhang steht: „Damit er barm­‐
​herzig wird und zuverlässiger Hohepriester, was Gott anbelangt. Worin er nämlich
​selbst gelitten hat und versucht worden ist, [darin] kann er denen, die versucht wer­‐
​den, helfen.“ Also ist der Leidende barmherziger Hohepriester. Leidensfähig ist aber
​der Tempel, nicht der lebenspendende Gott dessen, der gelitten hat.

​Dass er nun, indem er sich dazu entschieden hat, so zu denken, und es sogar wagt,
​[so] zu sprechen, wiederum eine Aufteilung in zwei eigenständige Hypostasen und so­‐
​gar Personen vornimmt, den aus Gott, dem Vater, [gezeugten] Logos und jenen, den
​er selbst gerade als Gott in sich tragenden Menschen eingeführt hat, wenn denn einer
​separiert der Leidende ist, der Lebenspender aber ein anderer, bezweifelt meiner Mei­‐
​nung nach überhaupt niemand. Er haut aber auch auf andere Weise daneben, da er den
​Wein ‚vom Rebstock Sodoms‘ ausgetrunken hat, in der Verirrung daherlallt und wahr­‐
​scheinlich nicht weiß, was er sagt. Wo wird denn der aus Gott, dem Vater, [gezeugte]
​Logos Gott Christi (ich erschaudere beim Sprechen) genannt? Einer ist schließlich der
​Herr Jesus Christus und einer der ‚Glaube‘, der sich auf ihn bezieht: nicht wie auf zwei
​gerichtet und separierend, sondern durch ‚eine Taufe auf einen Sohn, Gott und Herrn
​gerichtet,
den aus Gott, dem Vater, [gezeugten] Logos, auch wenn er Mensch gewor­‐
​den ist. Er wird nämlich nicht, weil er wie wir geworden ist, das Gott-Sein verlieren.
​Woher denn? Auch handhabt er, weil er der Natur nach Gott ist, die Gleichheit mit
​uns nicht als etwas Unannehmbares und wird es nicht zurückweisen, Mensch zu sein.
​Wie er aber in der Menschheit Gott geblieben ist, so ist er als Mensch, da er sowohl in
​der Natur als auch der Überlegenheit der Gottheit existiert, um nichts geringer. Der
​Immanuel ist nämlich beides zugleich und ein Gott und ebenso Mensch. Dieser gute
​Mann jedoch, der das Wesen des Heilsplans als unschön zurückweist, entfernt die
​menschlichen Dinge vom Gott-Logos, so dass er schließlich als jemand erscheint, der
​unseren Angelegenheiten in keiner Weise Nutzen bringt. Er sagt nämlich, dass er
​nicht selbst zum barmherzigen und zuverlässigen Hohepriester geworden sei, sondern
​weist die Sache vielmehr dem, der gelitten hat, wie einem anderen neben ihm zu.
Wie
​wäre es allerdings nicht nötig gewesen, dass er, wenn er ein kluger Mystagoge sein will,
​eine sorgfältige Sammlung der in der göttlich inspirierten Schrift [enthaltenen] Aus­‐
​sagen und Vorstellungen vornimmt und bedenkt, dass die Sache auch wahrhaft gottge­‐
​ziemend ist und nicht außerhalb des Begriffes liegt, der auf die Entäußerung passt und
​ihr entspricht? Und auf welche Weise? Wir wollen es darlegen und uns so kurz wie
​möglich fassen.

​Der Gott des Alls hat den Älteren das Gesetz wie ein Orakel gegeben, wobei Mose
​als Mittler fungierte. Doch es lag nicht im Gesetz, für jene, die in untadeliger Weise
​bereitwillig waren, das Gute bewirken zu können. Es hat nämlich nichts vollbracht.
​Der erste Bund war jedoch auch nicht untadelig. Verurteilung zum Dienst
nannte der
​​ überaus weise Paulus ihn. Ich höre aber, wie er sagt: „Wir wissen, dass, was das Gesetz
​auch immer sagt, es denjenigen sagt, die im Gesetz [stehen], auf dass es jedes Mund­‐
​werk in Schranken weise und die ganze Welt dem Gericht Gottes unterworfen werde.
​Deshalb soll aus den Werken des Gesetzes nicht alles Fleisch vor ihm gerechtfertigt
​werden.“
Das Gesetz bewirkt nämlich Zorn, und die Schrift tötet, wie er auch selbst
​an einer Stelle sagt: „Wenn jemand das Gesetz Mose verwirft, stirbt er ohne Mitleid
​
auf zwei oder drei Zeugen hin.“
Wenn das Gesetz also jene, die sündigen verurteilt,
​zuweilen die äußerste Strafe über jene verhängt, die es missachten, und in keiner Weise
​Mitleid zeigt, inwiefern war [da] für die [Menschen] auf der Erde die Ernennung eines
​mitleidsfähigen und wahrhaft barmherzigen Hohepriesters nicht notwendig, der dem
​Fluch ein Ende setzt, die Klage zurückstößt und jene, die gesündigt haben, durch
​nachsichtige Gnade und Weisungen, die auf Milde basieren, befreit: „Ich bin“, sagt er
​nämlich, „derjenige, der deine Gesetzlosigkeiten hinwegwischt und mich nicht erin­‐
​nern will.“
Wir werden daher im Glauben gerechtfertigt und nicht aus den Werken des
​Gesetzes,
wie geschrieben steht. Im Glauben an wen werden wir also gerechtfertigt?
​Nicht an denjenigen, der unseretwegen im Hinblick auf das Fleisch den Tod erlitten
​hat? Nicht an einen Herrn Jesus Christus? Sind wir nicht erlöst worden, weil wir
​seinen Tod verkünden
und die Auferstehung bekennen? Wenn wir nun an einen
​Menschen von den Unsrigen geglaubt haben und nicht vielmehr an einen Gott, ist die
​Sache dem Einvernehmen nach eine Menschenverehrung und nichts anderes. Wenn
​wir aber glauben, dass es ein Gott ist, der im Fleisch gelitten hat, der auch unser
​Hohepriester geworden ist, haben wir uns in keiner Weise geirrt, sondern erkennen,
​dass der aus Gott [gezeugte] Logos Mensch geworden ist. Auf diese Weise wird aber
​von uns der Glaube an einen Gott ausgeübt, der jene von der Strafe ausnimmt und von
​Sünden befreit, die in ihnen gefangen sind. ‚Der Menschensohn hat‘ nämlich ‚die Voll­‐
​macht‘, auch ‚auf der Erde die Sünden zu vergeben‘, wie er an einer Stelle auch selbst
​sagt.
Indem wir also der Rettung und Gnade durch Christus die Härte der gesetz­‐
​lichen Strenge, um es so zu nennen, gegenüberstellen, sagen wir, dass Christus zum
​barmherzigen Hohepriester geworden ist. Er war und ist schließlich als von Natur aus
​guter Gott immer mitleidsfähig und barmherzig, und ist das nicht in der Zeit
​geworden, sondern 〈...〉 wurde uns gegenüber als solcher ausgewiesen. Er wird in dem
​Sinn zuverlässig genannt, dass er immer bleibt, was er ist, nach dem, was auch in
​Bezug auf seinen Vater gesagt wurde: „Gott ist aber zuverlässig, der nicht zulassen
​wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet.“

​Der Immanuel ist also für uns zu einem barmherzigen und zugleich auch zuver­‐
​lässigen Hohepriester geworden. Wie Paulus nämlich sagt: „Es gibt recht viele, die
​​
Hohepriester geworden sind, da sie durch den Tod daran gehindert wurden zu bleiben.
​Dieser aber hat die unbegrenzte Priesterschaft inne, da er bis in Ewigkeit bleibt. Daher
​kann er auch jene, die durch ihn zu Gott gelangen, vollständig retten, da er immer
​lebt, um für sie zu bitten.“
Dass der aus dem Vater [gezeugte] Logos aber Gott geblie­‐
​ben ist, obwohl er der Schrift nach Priester geworden ist, weil Gestalt und Maß zu
​dem Heilsplan, der mit dem Fleisch verbunden ist, passen, um [das] zu versichern,
​reicht uns die Aussage des seligen Paulus aus. Er sagte schließlich wiederum: „Der
​wichtigste Punkt an dem, was gesagt wurde, ist aber: Wir haben einen solchen Hohe­‐
​priester, der Platz genommen hat zur Rechten des Thrones der Majestät in den Him­‐
​meln als Diener des Heiligen und des wahrhaften Zeltes, welches der Herr und kein
​Mensch aufgestellt hat.“
Betrachte nun und richte deinen Blick darauf, dass der aus
​Gott entstandene Logos als Gott durch den höchsten Ruhm hervorsticht, sogar auf
​dem Thron der Gottheit, derselbe aber als Mensch priesterliche Dienste verrichtet und
​dem Vater kein irdisches Opfer darbringt, sondern vielmehr ein göttliches und geisti­‐
​ges und den Himmel gleichsam als heiliges Zelt besitzt. Denn ‚nicht nach dem Gesetz
​fleischlichen Gebotes‘ ist er Hohepriester geworden, ‚sondern nach der Kraft unauf­‐
​löslichen Lebens‘, wie geschrieben steht.
Er ist nun also auch in dieser Beziehung
​‚zuverlässig‘ und leistet für jene, die sich ihm nähern, Bürgschaft, dass er sie auch ohne
​Schwierigkeiten erretten kann. Denn durch sein eigenes Blut und ‚eine einzige Opfer­‐
​gabe hat er jene, die geheiligt werden, für immer zur Vollendung gebracht.‘
Das macht
​nämlich, glaube ich, der in unseren Augen heilige Paulus deutlich, wenn er sagt:
​„Worin er nämlich selbst gelitten hat, als er versucht wurde, [darin] kann er denen, die
​versucht werden, helfen.“
Warum lässt er uns also die Gedankengänge außer Acht, die
​zur Frömmigkeit führen, entfernt sich von den Grundsätzen, die sich auf Richtigkeit
​und Wahrheit richten, und sagt ,der Leidende‘ sei ‚barmherziger Hohepriester, leidens­‐
​fähig aber der Tempel, nicht der lebenspendende Gott dessen, der gelitten hat‘?

​Dass der Logos Gottes nun ‚im Fleisch‘ unseretwegen freiwillig ‚gelitten hat‘, soll
​zu seiner Zeit gezeigt werden. Dass er aber den Unteilbaren teilt und durch die Wir­‐
​kung seiner eigenen Erwägungen zwei Christi zu Ansehen verhilft, auch wenn er
​vielleicht einen Christus zu bezeichnen scheint, soll um nichts weniger auch durch das
​unmittelbar Hinzugefügte bewiesen werden. Er sagte nämlich wiederum:

libIII-2 | 1–14 Er … gesehen‌²]

Vgl. Loofs, Nestoriana S. 234,5–235,1.

libIII-2 | 1–2 Er … Abra­hams]

Hebr 2,16; vgl. oben CV166,III,1,191 – 192. Zu der auch hier vermutlich zugrunde liegenden Auffassung der Bedeutung dieser Stelle, die sich von der heutigen Deutung merklich unterscheidet, vgl. Anm. zu CV149,10,1 – 2 (Dok. 41).

libIII-2 | 3–4 Daher … werden]

Hebr 2,17.

libIII-2 | 5–9 Betrachte … hat]

Ebenso zit. CV60,XI, ACO I,1,2 S. 48,16–19.

libIII-2 | 6–8 Damit … helfen]

Hebr 2,17f.

libIII-2 | 9 der‌² … hat]

Vielleicht auch eher: „der Gott, der den, der gelitten hat, lebendig gemacht hat“.

libIII-2 | 9–10 Der … Paulus]

Hebr 13,8.

libIII-2 | 11–12 Bevor … ich]

Joh 8,58.

libIII-2 | 13–14 Wer … gesehen‌²]

Joh 14,9.

libIII-2 | 17 Besitzer … Gottheit]
libIII-2 | 20 sondern … Schriften]

Kyrill betont in seiner Auseinandersetzung mit den christologischen Auffassungen seiner Gegner immer wieder, dass sich der göttliche Logos den menschlichen Leib angeeignet habe (vgl. z.B. CV1,18,2 – 3, ACO I,1,1 S. 18,17 [Dok. 5]; CV4,4,10 – CV4,5,16, ACO I,1,1 S. 27,12–28,2 [Dok. 23]; CV6,6,10 – 13, ACO I,1,1 S. 37,9–12 [Dok. 36]). Dies scheint jedoch eher seine persönliche, in alexandrinischer Tradition stehende soteriologische Interpretation bestimmter biblischer Stellen zu sein und nicht explizit aus einer solchen hervorzugehen. Die Worte κατὰ τὰς γραφάς scheinen hier also anders als an anderen Stellen (vgl. z.B. oben CV166,I,Praef.,146 – 148; CV166,I,3,22 – 24) nicht auf eine bestimmte biblische Stelle zu verweisen, sondern eher hervorzuheben, dass die Idee der Aneignung mit den biblischen Aussagen im Einklang steht.

libIII-2 | 24–25 Ich … verkünden]

Hebr 2,12; vgl. Ps 21(22),23.

libIII-2 | 28–31 Denn … verkünden]

Hebr 2,11f.

libIII-2 | 35 Er … erhalten‌²]

Vgl. Hebr 2,14.

libIII-2 | 41–44 All … sind]

Joh 1,12f.

libIII-2 | 52–53 Weil … Vater]

Gal 4,6.

libIII-2 | 56–57 Ist … glichen]
libIII-2 | 63–64 und … Sünde]

Vgl. Hebr 4,15.

libIII-2 | 65 Hatte … glichen]
libIII-2 | 67–68 Ihr … annimmt]

Gal 4,19.

libIII-2 | 69–72 Wir … Geist‌¹]

2 Kor 3,18.

libIII-2 | 72 Der … Freiheit]

2 Kor 3,17.

libIII-2 | 84 der‌¹ … Wahrheit]

Vgl. 1 Tim 2,7.

libIII-2 | 84–86 Jene … berufen]

Röm 8,29f.

libIII-2 | 87–88 Wie … gleichgestaltet]
libIII-2 | 95–96 Wie … tragen]

1 Kor 15,49.

libIII-2 | 105–106 indem … ausweist]
libIII-2 | 107 Brüder … gleichen]
libIII-2 | 108–109 Christus … an]
libIII-2 | 110–111 Ihr … Geist]

Röm 8,9.

libIII-2 | 114–115 zu … sind]
libIII-2 | 125–129 Betrachte … hat]
libIII-2 | 136 vom … Sodoms]

Vgl. Dtn 32,32.

libIII-2 | 138–141 Einer … gerichtet]

Vgl. Eph 4,5.

libIII-2 | 150–152 Er … zu]
libIII-2 | 161 Es … vollbracht]

Vgl. z.B. Hebr 7,19.

libIII-2 | 162 Verurteilung … Dienst]

Vgl. 2 Kor 3,9. Dort heißt es allerdings nicht wie hier im Text κατάκριμα δὲ διακονίας, sondern διακονία τῆς κατακρίσεως.

libIII-2 | 163–167 Wir … werden]

Röm 3,19f.

libIII-2 | 167 Das … Zorn]

Vgl. Röm 4,15.

libIII-2 | 167 und … tötet]

Vgl. 2 Kor 3,6.

libIII-2 | 168–169 Wenn … hin]

Hebr 10,28.

libIII-2 | 169 auf … hin]

Vgl. Dtn 17,6.

libIII-2 | 174–176 Ich … will]

Jes 43,25.

libIII-2 | 176–177 Wir … Gesetzes]

Vgl. Gal 2,16.

libIII-2 | 179–180 weil … verkünden]

Vgl. 1 Kor 11,26.

libIII-2 | 183 der‌¹ … hat]

Vgl. 1 Petr 4,1.

libIII-2 | 187–189 Der … sagt]

Vgl. Mt 9,6.

libIII-2 | 193  … ]

Schwartz vermutet an dieser Stelle wohl zu Recht eine Lücke, welche er beispielsweise mit den Worten ἄνωθεν καὶ διὰ παντὸς füllen möchte.

libIII-2 | 195–196 Gott … werdet]

1 Kor 10,13.

libIII-2 | 198–202 Es … bitten]

Hebr 7,23–25.

libIII-2 | 199 Hohepriester]

Hier mit ἀρχιερεῖς statt einfach ἱερεῖς, wie in der Überlieferung des Hebräerbriefes.

libIII-2 | 205–209 Der … hat]

Hebr 8,1f.

libIII-2 | 213–215 Denn … steht]

Vgl. Hebr 7,16.

libIII-2 | 217–218 eine … gebracht]

Vgl. Hebr 10,14.

libIII-2 | 220–221 Worin … helfen]
libIII-2 | 223–224 und‌² … hat]
libIII-2 | 225 Dass … hat]

Vgl. 1 Petr 4,1.

Die Akten des Konzils von Ephesus 431. Übersetzung, Einleitung, Kommentar

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