CV166 (Dok. 25): Kyrill, ‚Gegen Nestorius‘

Inhalt: Kyrill unterzieht die Christologie seines Gegners Nestorius einer groß angelegten Kritik. Zu diesem Zweck zitiert er zahlreiche ihm anstößig erscheinende Aussagen, die jener im Vorfeld getätigt hatte, und stellt diesen dann seine eigenen Ansichten gegenüber.

Edition: Collectio Vaticana 166, ACO I,1,6 S. 13,4–106,41; ältere Edd.: PG 76, Sp. 9–248; Pusey (1965 [= 1868–1877]), Bd. 6 S. 54–239

Verzeichnisnummern: CPG 5217

Verfasser: Kyrill von Alexandria

Datierung: spätestens Mitte 430

Lat. Übersetzungen:  –

Literatur: Pusey (1881), S. 1–184.

​ Drittes Buch

​‚Groß ist dem Bekenntnis nach das Geheimnis der Frömmigkeit‘. Es ist auch unter
​den heiligen Engeln bewundert worden, und außerdem gibt uns der überaus weise
​Paulus Bestätigung, wenn er sagt: „Auf dass nun den Herrschaften und Mächten in
​den Himmelswelten durch die Kirche die vielfältige Weisheit Gottes bekannt gemacht
​werde entsprechend dem ewigen Vorsatz, den er in unserem Herrn Jesus Christus er­‐
​füllt hat, in welchem wir Freimütigkeit und Zugang in Zuversicht durch den Glauben
​besitzen.“
Weisheit ist nämlich wahrhaftig und nicht menschlich. Woher auch? Viel­‐
​mehr ist sie göttlich und liegt als das Geheimnis Christi in unaussprechlichen Tiefen
​und Unbegreiflichkeiten. Daher singt der selige David: „Er machte Dunkelheit zu
​seinem Versteck. Sein Zelt um ihn herum ist dunkles Wasser in den Wolken der Lüfte“,

​wobei er, glaube ich, mit Dunkelheit nichts anderes meint als sicherlich das nur
​schwerlich sichtbare Auffinden von Vorstellungen, das wie ein Nebel auf die Augen
​des Denkens fällt. Deshalb sind wir der Meinung, dass das Geheimnis Christi niemals
​detaillierte Untersuchungen und fruchtloses Streben nach Wissen, welches den Ver­‐
​stand übersteigt, nötig hat, sondern vielmehr einen Glauben, der die Überlieferung in
​einfacher und unverdorbener Form bewahrt.

​Auf diese Weise zu denken, wurden auch wir selbst gelehrt, und wir glauben, dass
​Gott, der Vater, den eigenen, der Natur nach als Gott existierenden Sohn gesandt hat,
​der Mensch geworden und von einer Frau dem Fleisch nach geboren worden ist, damit
​er jene, die an ihn glauben, rechtfertige und sie, indem er sie von den in Unkenntnis
​[begangenen] Verfehlungen mit förderlichen und überaus sanften Weisungen befreit,
​rein und frei von Tadel durch sich Gott, dem Vater, zukommen lasse und jene, die Tod
​und Verderben unterworfen sind, zu ‚Teilhabern‘ an seiner eigenen ‚göttlichen‘ Natur
​mache
und ‚auch den Blinden die Wiedererlangung des Augenlichts‘ verkünde und die
​Herden jener, die fehlgegangen sind, in das Licht der wahren Gotteserkenntnis über­‐
​führe und schließlich Aufklärung darüber bringe, wer der von Natur aus und wahrhaft
​[existierende] Gott und Schöpfer des Alls ist. Er wurde nämlich zum ‚Duft
der Er­‐
​kenntnis‘ Gottes, des Vaters,
und in ihm haben wir jenen, aus dem er gezeugt worden
​ist, betrachtet,
und den Weg, der uns fortführt in das ewige Leben, deutlich erkannt.
​Dass der Sohn auf diese Weise auch auf die Herden der Völker Licht werfen werde, hat
​der selige Prophet Jesaja ausgerufen, als er sagte: „So spricht der Herr: ‚Es mühte[n]
​sich Ägypten und
die Geschäfte
der Äthiopier, und die Sabäer, große Männer, werden
​zu dir gelangen, dir Knechte sein und hinter dir herziehen, gebunden mit Handfesseln.
​​ Und sie werden dich verehren und zu dir beten, weil in dir Gott ist,
und es keinen
​Gott außer dir gibt. Denn du bist Gott, und wir waren im Unwissen, der Gott Israels,
​der Retter.‘“
Und an einer Stelle ist zum Sohn gleichsam wiederum aus der Person
​Gottes, des Vaters, heraus gesagt worden: „Sieh, ich habe dich eingesetzt zum Bund
​mit dem Geschlecht, als Licht der Völker, auf dass du zur Rettung dienest bis zum
​äußersten Ende der Welt.“
Er hat also den aus dem Blut und dem Geschlecht Israel
​[Entstammenden] gesetzlich als den neuen Bund festgelegt, da der erste veraltet war,
​und ihn auch bis zu den Enden der [Welt] unter dem Himmel den Völkern und Men­‐
​schen in jedem Land und jeder Stadt präsentiert. Sie haben ihn nämlich verehrt und
​folgen ihm auch in geistiger Weise, wobei sie in nicht zerreißbaren Banden der Liebe
​wie in irgendwelchen Handfesseln stecken und gleichsam durch die Stimme Jeremias
​sagen: „Siehe, wir hier werden dir gehören, weil du, Herr, unser Gott bist.“

​Richte mir aber deinen Blick auf den wachen Geist der prophetischen Gedanken!
​„Sie werden dich verehren“, sagt er, „und werden zu dir beten, weil in dir Gott ist, und
​es keinen Gott außer dir gibt.“
Er wusste nun also anerkanntermaßen als Träger des
​Geistes, dass der aus Gott, dem Vater, [gezeugte] Logos in uns ‚Quartier nehmen‘
​wird, wie der selige Evangelist Johannes sagt
(deshalb sagte er: ‚weil Gott in dir ist‘).
​Er hat es allerdings nicht zugelassen, dass man den Immanuel in zwei Götter zer­‐
​schneide; sondern auch wenn der Einziggeborene Mensch geworden ist, bekannte er
​ihn auch unter diesen Umständen ebenfalls als einen. Und daher fügte er umgehend
​hinzu: „Es gibt keinen Gott außer dir.“
Betrachte die Aussage des Propheten nämlich
​genau: Denn nachdem er zuvor, wie ich sagte, prophezeit hatte: „In dir ist Gott“,
​setzte er nicht hinzu: ‚Und es gibt keinen Gott außer dem in dir‘,
sondern sagt, wobei
​er einen Zusammenschluss zu einer auf den Heilsplan bezogenen Einung vollzieht:
​„Es gibt keinen Gott außer dir.“ Dass aber der einziggeborene Logos Gottes, der
​Mensch geworden ist, sozusagen die gesamte göttlich inspirierte Schrift hindurch ver­‐
​kündet wird, lässt sich ohne Mühe sehr leicht durch überaus viele [Belege] zeigen. Es
​reicht aber, glaube ich, für den gegenwärtigen Zweck aus, Folgendes anzuführen. Denn
​Gott sprach an einer Stelle zum seligen David: „Und ich will [jemanden] aus deiner
​Nachkommenschaft nach dir aufstehen lassen, der aus deinem Schoß stammen wird,
​und ich werde sein Königreich bereiten. Er selbst soll meinem Namen ein Haus er­‐
​richten, und ich werde seinen Thron wieder errichten bis in Ewigkeit, und ich will ihm
​​ Vater sein, und er soll mir Sohn sein.“
Es könnte jedoch, glaube ich, jemand sagen,
​dass dies sicherlich nicht über den Immanuel, sondern vielmehr über Salomon gesagt
​worden ist. Paulus allerdings, der überaus weise Mann, wird sich denen, die so denken
​wollen, entschieden entgegenstellen. Er bezieht die Aussagen nämlich auf Christus
​und sagt, dass er es sei, über den von Gott, dem Vater, gesagt worden ist: „Ich will ihm
​Vater sein, und er soll mir Sohn sein.“
Dass er aber, nachdem er wie wir, also Mensch
​geworden war, Gott, dem Vater, die [Welt] unter dem Himmel, gerettet durch den
​Glauben an ihn, darbringen sollte, macht er deutlich, indem er an anderer Stelle sagt:
​„Und ich will mir einen treuen Priester einsetzen, der alles, was mir am Herzen und in
​meiner Seele liegt, umsetzen soll. Und ich werde ihm ein sicheres Haus errichten, und
​er soll
vor meinem Angesicht einhergehen alle Tage.“ Achte mir aber wiederum darauf,
​dass der Vater an anderer Stelle, wenn er sagt: „Dieser soll meinem Namen ein Haus
​errichten“,
ankündigt, dem Sohn das Haus zu errichten! Da der Göttliches kündende
​Paulus auch dies verstanden hat, sagte er,
dass Mose zwar ‚in‘ meinem ‚gesamten
​Haus‘ treu gewesen ist,
wobei der das Maß eines Bediensteten hatte, ‚Christus‘ al­‐
​lerdings ‚als Sohn über sein Haus, dessen Haus wir sind‘.
Die Art und Weise des
​Opferdienstes ist bei ihm im Hinblick auf unsere Belange nicht Blut von Stieren und
​Kälbern, sondern das Bekenntnis des Glaubens aller. Und der selige Paulus wird
​wiederum Bürgschaft dafür leisten, da er in folgender Weise geschrieben hat: „Daher,
​heilige Brüder, Teilhaber an der himmlischen Berufung, betrachtet den Apostel und
​Hohepriester unseres Bekenntnisses Jesus, der dem, der ihn ernannt hat, treu ist!“

​Wir sagen nun also, dass der aus Gott, dem Vater, [gezeugte] Logos, wenn es von
​ihm heißt, dass er sich unseretwegen, ‚indem er die Gestalt eines Knechtes annahm‘,
​entäußert hat, sich zu diesem Zeitpunkt eben selbst auch noch in die Maße der
​Menschheit hinabbegeben hat, für die es wohl angemessen ist, und zwar völlig zu
​Recht, den Anschein zu erwecken, ausgesandt worden zu sein, und als Mittelsmann
​der höchsten Würde beim Opferdienst den Weg zu weisen. Wenn er nämlich, nachdem
​er wie wir geworden war, zusammen mit uns als Mensch Verehrung erwiesen hat, ob­‐
​wohl ihn die himmlische Schar verehrt und die heiligen Geister, und Mose über ihn
​sagt: „Freuet euch, Himmel, zusammen mit ihm, und alle Söhne Gottes sollen ihn
​verehren!“,
was gibt es [dann], was befremdlich wäre oder den Aussagen des Heils­‐
​plans nicht angemessen, wenn er den Titel Hohepriester trägt in der Annahme, dass er
​​ sich selbst für uns
und uns durch sich und in sich Gott, dem Vater, als wohlriechendes
​Opfer weiht?
Denn ‚wir sind der Wohlgeruch Christi‘, wie geschrieben steht. Doch
​dieser edle Mann da behauptet wiederum steif und fest, dass dies keineswegs in der
​gebührenden Ordnung ausgeführt worden sei, und lächelt gleichsam über jene, die
​annehmen, dass es sich so verhielte, und spricht, indem er die göttlichen Pläne in
​gottloser Weise niedermacht, an einer Stelle folgendermaßen:

libIII-Praef | 1 Groß … Frömmigkeit]

Vgl. 1 Tim 3,16.

libIII-Praef | 3–7 Auf … besitzen]

Eph 3,10–12.

libIII-Praef | 9–10 Er … Lüfte]

Ps 17(18),12.

libIII-Praef | 18 den … hat]

Vgl. Röm 8,31.

libIII-Praef | 23–24 zu … mache]

Vgl. 2 Petr 1,4; s. auch oben CV166,I,8,96 – 97 u. CV166,II,13,60 – 61.

libIII-Praef | 24 und‌¹ … verkünde]

Vgl. Lk 4,18; Jes 61,1.

libIII-Praef | 27–28 Er … Vaters]

Vgl. 2 Kor 2,14.

libIII-Praef | 27 Duft]

Zur Vorstellung, dass Christus gleichsam ein Duft seines Vaters sei, vgl. auch oben CV166,II,Praef.,98 – 106.

libIII-Praef | 28–29 und … betrachtet]

Vgl. Joh 12,45.

libIII-Praef | 31–36 So … Retter]

Jes 45,14f.

libIII-Praef | 32 die Geschäfte]

In der LXX steht stattdessen in der überwiegenden Mehrheit der Hss. der Sg. ἐμπορία, so dass der Begriff dort klarer auf das erste finite Verb zu beziehen ist.

libIII-Praef | 34 und‌²]

Ein Teil der Hss. der LXX lässt auf dieses καὶ das Verb ἐροῦσιν folgen, so dass das Folgende eindeutig als Aussage der zuvor genannten Völker aufzufassen ist, was tatsächlich auch sinnvoller erscheint.

libIII-Praef | 37–39 Sieh … Welt]

Jes 49,6.

libIII-Praef | 40 da … war]

Vgl. Hebr 8,13.

libIII-Praef | 45 Siehe … bist]

Jer 3,22, wo es allerdings δοῦλοι ἡμεῖς ἐσόμεθα statt οἵδε ἡμεῖς ἐσόμεθα heißt.

libIII-Praef | 47–48 Sie … gibt]
libIII-Praef | 49–50 dass … sagt]

Vgl. Joh 1,14.

libIII-Praef | 50 weil … ist]
libIII-Praef | 54 Es … dir]
libIII-Praef | 56 setzte … dir]

Das Argumentationsmuster, ein Bibelzitat in Richtung des vermeintlich gegnerischen Denkens abzuändern, um damit zu zeigen, dass es so eben der ursprünglichen Intention widerspricht, ist bei Nestorius sehr beliebt und wird häufig von ihm angewandt (vgl. z.B. oben CV166,II,2,5 – 7; CV166,II,10,2 – 5; CV5,7,19 – 20, ACO I,1,1 S. 30,30f. [Dok. 24]). Kyrill scheint auf dieses Muster in der Relation zum überlieferten Textmaterial hingegen eher selten zurückzugreifen.

libIII-Praef | 62–66 ich … sein‌²]

2 Kön (2 Sam) 7,12–14.

libIII-Praef | 69–71 Er … sein‌²]

Vgl. Hebr 1,5.

libIII-Praef | 74–76 Und … Tage]

1 Kön (1 Sam) 2,25.

libIII-Praef | 76 vor … Angesicht]

ἐνώπιον μου: Im Text der LXX (Rahlfs) heißt es jedoch ἐνώπιον χριστοῦ μου, was die Pointe Kyrills allerdings entscheidend verderben würde.

libIII-Praef | 77–78 Dieser … errichten‌¹]
libIII-Praef | 78–81 Da … sind]

Vgl. Hebr 3,5f.; vgl. auch oben CV166,I,8,90 – 93 u. CV166,II,4,72 – 73.

libIII-Praef | 79–80 dass … ist]

Vgl. Num 12,7.

libIII-Praef | 79 meinem]

So in Num 12,7 und im konjizierten Text der Konzilsakten (in der Handschrift: σου). Im Hebräerbrief heißt es stattdessen „in seinem Haus“ (ἐν ὅλῳ τῷ οἴκῳ αὐτοῦ).

libIII-Praef | 84–86 Daher … ist]

Hebr 3,1.

libIII-Praef | 88 indem … annahm]

Vgl. Phil 2,7.

libIII-Praef | 95–96 Freuet … verehren]

Dtn 32,43.

libIII-Praef | 95–96 und … verehren]

Vgl. auch Hebr 1,6.

libIII-Praef | 97–99 dass … weiht]

Vgl. Eph 5,2. Kyrill nimmt in seinen um das Konzil von Ephesus verfassten Schriften auf diesen Vers des Öfteren Bezug: vgl. z.B. CV6,9,6 – 11, ACO I,1,1 S. 39,1–6 (Dok. 36) und den darauf aufbauenden zehnten Anathematismus (CV6,12,44 – 52, S. 41,21–27) desselben Schreibens und in den Schreiben an die Damen des Kaiserhauses (CV149,32,5 – 6, ACO I,1,5 S. 50,16f. [Dok. 41]; CV150,7,9 – 11, ACO I,1,5 S. 64,16f. [Dok. 40]).

libIII-Praef | 98–99 und‌¹ … weiht]
libIII-Praef | 99 Denn … steht]

Vgl. 2 Kor 2,15.

Die Akten des Konzils von Ephesus 431. Übersetzung, Einleitung, Kommentar

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