(3) Denn ich, der ich als Gestalt Gottes existiere, habe mir die Gestalt eines Knech‐
tes umgelegt. Denn ich, der ich Gott-Logos bin, werde im Fleisch betrachtet. Denn
ich, der ich Herrscher des Alls bin, habe mir euretwegen die Maske eines Bettlers an‐
gelegt. Denn indem ich sichtbar hungere, lasse ich den Hungernden Nahrung zu‐
kommen.
Warum also, sprich, sagtest du, obwohl du den Begriff der Schwäche fürchtest und
ihn von ihm entfernst, auch wenn der Grundsatz des Heilsplans dem widerstrebt, dass
er zwar sichtbar oder eben auf menschliche Art gehungert habe, aber den Hungernden
auf göttliche Weise Nahrung zukommen ließ? Oder meinst du, dass es nicht ein
Wesenszug von Schwäche ist, einem Bedürfnis nach Nahrung zu unterliegen, und dass
ausgesagt wird, er habe wie wir gehungert? Denen, die zu tadeln belieben, ist jedoch in
hervorragender Weise die Besonderheit des Heilsplans entgegengesetzt worden. Wir
müssen daher entweder, indem wir ihn von allem, was nach menschlicher Art und auf
niederer Ebene geäußert wurde, entfernen, solche Art von Empfindungen einem blo‐
ßen Menschen umlegen oder, indem wir daran denken, dass er, obwohl er Gott ist, wie
wir geworden ist, bekennen, dass er zwar der Natur der Gottheit nach leidensunfähig
ist, aber zudem auch sagen, dass er die für uns [erduldete] Schwäche erlitten habe, im
Hinblick auf das Menschliche und das Fleisch, meine ich.
Daher antworte dem Fragenden noch einmal: Der Göttliches kündende Paulus sagt,
dass er ‚aus Schwäche gekreuzigt‘ worden ist und entfernt [somit] selbst die Sache
vom Gott-Logos, indem er, vermute ich mal, sagt, dass sie gering und unrühmlich sei
und seiner nicht würdig. Ist es also ein anderer neben ihm, der gekreuzigt wurde, den
der uns göttlich dünkende Mystagoge ‚Herrn der Herrlichkeit‘ nennt, wenn er sagt:
„Denn wenn sie erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreu‐
zigt“? Ist derjenige, der schwach geworden ist und dieses unrühmliche und niedrige
Leid erfahren hat, also noch ‚Herr der Herrlichkeit‘ geblieben? Wenn er es also geblie‐
ben ist, hat er keinen Schaden daraus, schwach geworden zu sein. Warum fürchtest du
dich also auszusprechen, dass sich der Logos Gottes mit Rücksicht auf den Heilsplan
darauf eingelassen hat? Wenn er aber wahrhaftig davon abgekommen sein sollte, noch
‚Herr der Herrlichkeit‘ zu sein, und irgendwer behauptet, dass sich dies so verhält,
wird er vollkommen zu Recht die Anklage der äußersten Gottlosigkeit auf sich ziehen.
Schließlich ‚beugt sich‘ ihm ‚jedes Knie‘ und ‚jede Zunge wird offen bekennen, dass
Jesus Christus Herr ist zum Ruhme Gottes, des Vaters‘. Es verbreitet sich nämlich
über die ganze [Welt] unter dem Himmel der Ruhm Christi, der im Fleisch für uns
gelitten hat, wie wir immer wieder gesagt haben.
Wenn du also hörst, dass der Geistesträger sagt: „Er ist aus Schwäche gekreuzigt
worden, lebt aber durch die Kraft Gottes“, verstehe es auf fromme Weise! Er sagt
nämlich, dass er auf menschliche Weise gelitten hat, obwohl er die Natur besitzt, die
gänzlich außerhalb des Leidens angesiedelt ist. Da er aber von solcher Art ist, ertrug er
das schwache Fleisch, und nachdem er es erlitten hatte, auf menschliche Weise zu
sterben, kehrte er auf göttliche Weise ins Leben zurück, wobei er selbst als Macht des
Vaters seinem Tempel Leben schenkte. Und in der Tat: Als der Zeitpunkt bereits ein‐
getreten war, an dem er für uns das Kreuz auf sich nehmen musste, ging er fort und
betete, indem er sprach: „Vater, wenn es möglich ist, soll dieser Kelch an mir vorüber‐
gehen.“ Er fügte dem aber am Ende des Gebetes hinzu: „Aber nicht wie ich will,
sondern wie du.“ Doch weil er zu der Ansicht gekommen ist, dass er, auch wenn er als
Logos und Gott allmächtig ist, ein einziges Mal auch zu der uns entsprechenden
Schwäche gelangte, gibt er mit genauem Blick auf den Heilsplan einen Grund für die‐
sen Umstand an und sagt: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“
Achte nun also darauf, dass er, während er selbst in keiner Weise beigibt und keine
Schwäche an der eigenen Natur erlitten hat, dem Fleisch Raum gegeben hat, auch
seine eigenen Gesetze zu erfüllen, und man sagt, dass dies zu ihm gehört, weil sein
Leib ihm zu eigen ist. Dass er im Hinblick auf das Fleisch schwach geworden ist, hat
ihn also vor uns als einen Menschen ausgewiesen, dass er den Tod nicht gewähren lässt
und die Vergänglichkeit des eigenen Leibes zurückweist, allerdings als Gott, der nicht
schwach sein kann. Er ist schließlich Leben und Kraft des Vaters. Dass er nämlich die
Schwäche in diesen Dingen, die ihm ungewohnt und unerwünscht war, zur Zufrieden‐
heit Gottes, des Vaters, zu etwas Gewolltem gemacht hat, um die [Welt] unter dem
Himmel zu retten, wird er selbst deutlich machen, wenn er sagt: „Denn ich bin vom
Himmel herabgestiegen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen des‐
sen, der mich gesandt hat. 〈Das ist der Wille dessen, der mich gesandt hat,〉 dass ich
alles, was er mir gegeben hat, [dass ich] nichts davon verliere, sondern es am letzten
Tag auferwecke.“ Warum aber sagt der Sohn, wenn denn der Wille des Vaters gut ist,
und zwar gut in jeder Hinsicht, dass er einen eigenen und anderen habe, der neben
diesem steht? Denn wenn er nicht gut ist, warum glaubt man, dass er noch sein ‚Ab‐
bild‘ und ‚Abdruck‘ ist? Wie sollte er die Wahrheit sagen, wenn er spricht: „Ich und
der Vater sind eins“ und „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“? Denn im
Nicht-Guten sieht man wohl nicht den der Natur nach Guten. Doch der gute Sohn ist
aus dem guten Vater erschienen und ist in jeder Beziehung sein ununterscheidbares
‚Abbild‘. Indem er welchen Willen fahren lässt, den er seinen eigenen nennt, sagt er
also, dass er den des Vaters erfülle? Er sollte durch den Tod des eigenen Fleisches jene
vom Tod befreien, die ihm unterworfen sind, also uns. Doch im Fleisch zu sterben war
für ihn unrühmlich und ungewohnt, wie ich sagte, und verhasst. Er hat dies aber zur
Zufriedenheit des Vaters unseretwegen auf sich genommen. Er wusste ja, er wusste
nur zu gut, dass er, wenn er wegen der Leiden des Fleisches für kurze Zeit an Ansehen
verliert, alle zusammen retten wird, indem er sie in einen unvergleichlich besseren Zu‐
stand versetzt. „Denn wenn jemand in Christus ist, ist er ein neues Geschöpf. Das Alte
ist vergangen. Sieh, alles ist neu geworden“, wie geschrieben steht.
Die göttlich inspirierten Schriften verkünden also der Welt einen Christus, Sohn
und Herrn und sagen, dass derselbe ‚Herr der Herrlichkeit‘ ist und die von den Juden
ausgehenden Wahnsinnstaten unseretwegen freiwillig auf sich genommen und den Tod
am Kreuz mit Rücksicht auf den Heilsplan ertragen hat, [und zwar] nicht, um zusam‐
men mit uns dauerhaft tot zu sein, sondern um, indem er die allen widerwärtige Macht
des Todes auflöst, die Natur des Menschen zur Unvergänglichkeit zurückzuführen. Er
war schließlich Gott im Fleisch. Wenn dieser Kerl da aber versucht, sich von überall
her Gelegenheiten zu sammeln, um den Einen in zwei zu teilen, stellt er sich Men‐
schen entgegen, die es überhaupt nicht gibt. Er klagt aber irgendwelche Leute an in
der Meinung, dass sie gegen die Wahrheit stritten und die Eigenheit des Geheimnisses
verfälschen wollten, und sagt: