CV20 (Dok. 9): Kyrills Brief an einen Anhänger des Nestorius

Inhalt: Kyrill gibt dem Adressaten seines Schreibens zu verstehen, dass sein entschiedenes Handeln allein dem Wohl der Kirche diene und durch christliche Ideale, nicht durch persönliche Animositäten motiviert sei.

Edition: Collectio Vaticana 20, ACO I,1,1 S. 108,2–109,3; ältere Edd.: Labbé/Cossart (1671–1672), Bd. 3 Sp. 330f.; Coleti (1728–1734), Bd. 3 Sp. 879–881; Mansi, Bd. 4 Sp. 1000f.; PG 77, Sp. 61–64.

Verzeichnisnummern: CPG 5308

Verfasser: Kyrill von Alexandria

Datierung: 429

Lat. Übersetzungen: Collectio Casinensis 18, ACO I,3 S. 43

​[Brief] Kyrills an einen Anhänger des Nestorius:

​Ich kenne das lautere Wesen deiner Liebe, und dein Eifer ist mir nicht unbekannt.
​Und wenn ich an irgendwelche Menschen schriebe, die meine Art nicht kennten,
​würde ich viele Worte machen und zu überzeugen versuchen, dass ich überaus fried­‐
​fertig bin und weder streitsüchtig noch kampfverliebt, sondern den Wunsch habe, alle
​zu lieben und von allen geliebt zu werden.
Da ich aber an einen Wissenden schreibe,
​fasse ich jenes kurz und kläre darüber auf, dass ich, wenn es darum gegangen wäre,
​einen Verlust von Wertsachen oder Geld hinzunehmen und den Kummer eines
​Bruders zu beenden, ich [das] gern getan hätte, um nicht den Anschein zu erwecken,
​der Liebe irgendetwas vorzuziehen. Da es aber um den Lehrsatz des Glaubens geht
​und gleichsam alle Gemeinden im gesamten römischen Reich Anstoß genommen
​haben
(es findet sich schließlich niemand, der aus irgendeiner beliebigen Stadt oder
​einem Ort kommt und nicht sagt, dass dies das Gesprächsthema ist, und [fragt], was
​für eine neue Lehre in die Gemeinden eingeführt wird), was sollen wir, denen die
​Bedeutung des Geheimnisses von Gott anvertraut worden ist, darauf tun? Wir, gegen
​die am Tag des Gerichts jene, die unterwiesen worden sind, gewiss prozessieren
​werden?
Sie werden nämlich sagen, dass sie den Glauben so bewahrt haben, wie sie
​von uns unterwiesen worden sind. Und wenn wir dies richtig gemacht haben, werden
​wir auch Lohn empfangen, werden wir auch Lob erlangen. Wenn aber anders und in
​verdrehter Weise, welche Flammen reichen [da] für uns aus? Wir werden schließlich
​gemäß der Schrift zu hören bekommen: „Du hast mein Land vernichtet und mein Volk
​getötet.“
Und jeder, der zu den Laien zählt, wird sich für sein eigenes Leben
​​ rechtfertigen. Wir aber, die wir die Bürde priesterlichen Dienstes tragen, werden nicht
​allein für uns selbst, sondern für alle, die an Christus glauben, Rechenschaft ablegen.

​Kein Wort von mir also über den Kummer, die Kränkung, die so heftige Schmä­‐
​hung, die von einigen derer, die in keinem guten Ruf stehen, gegen mich vorgebracht
​worden
ist. All das soll dem Vergessen anheimfallen, und Gott wird auch die Schwät­‐
​zer richten. Allein die Sache des Glaubens soll bewahrt werden. Und ich bin freund­‐
​lich und liebenswert
und gestehe es keinem zu, den gottgefälligen Bischof Nestorius
​inniger lieben zu müssen, von dem ich, wie ich bei Gott sage, möchte, dass er bei
​Christus in gutem Ruf steht und dass sich der Vorwurf, der seitens der Vorbeikom­‐
​menden [erhoben wird], in Luft auflöst und sich das Gerede über den Glauben, das
​von einigen [zu hören ist], als Verleumdung und als nicht in jeder Hinsicht wahr
​erweist. Wenn es uns aber von Christus aufgetragen worden ist, auch die Hassenden
​zu lieben,
wie ist es [da] nicht in noch größerem Maße für die Brüder und Mitpriester
​angemessen, dies zu tun? Denn dass wir, wenn der Glaube von einigen geschwächt
​werden sollte, deren Seelen nicht fallen lassen werden, selbst wenn davor stehen sollte,
​auch selbst den Tod zu erleiden, steht außer Zweifel. Wenn wir uns nämlich fürchten,
​für den Ruhm Gottes die Wahrheit auszusprechen, damit wir keinen Unannehmlich­‐
​keiten ausgesetzt sind, mit welcher Miene sollen die dann vor den Laien die Lobes­‐
​hymnen auf die heiligen Märtyrer anstimmen? Die loben wir, weil sie den Spruch
​beachtet haben: „Bis zum Tod kämpfe für die Wahrheit.“

4–6 dass … werden]

Seine grundlegende Friedfertigkeit hebt Kyrill auch in der lat. Rezension seines zeitnah verfassten Briefes an die Apokrisiare hervor (vgl. CPal28,iii – xi, ACO I,5 S. 54,35–37 [Dok. 8]).

11–12 und … haben]

Vgl. die berühmt gewordene Junktur σκάνδαλον οἰκουμενικόν in Kyrills erstem Brief an Nestorius (CV2,3,13, ACO I,1,1 S. 24,23f. [Dok. 18]).

15–17 Wir … werden‌¹]

Möglicherweise denkt Kyrill bei dem Szenario, das er hier beschreibt, an 1 Joh 4,17, wo von der παρρησία der vor dem jüngsten Gericht (ἐν τῇ ἡμέρᾳ τῆς κρίσεως) Stehenden die Rede ist, welche die οἱ μυσταγωγούμενοι hier zu genießen scheinen.

17 Sie … haben]

Vgl. 2 Tim 4,7f.

21–22 Du … getötet]

Jes 14,20.

25–27 Kein … worden]

Zu diesen Vorgängen vgl. auch CV4,1,3 – 11, ACO I,1,1 S. 25,24–26,6 (Dok. 23); CV16,35 – 37, ACO I,1,1 S. 98,30f. (Dok. 11); CV22,5,8 – CV22,6,5, ACO I,1,1 S. 111,20–25 (Dok. 8); CV118,27, ACO I,1,3 S. 88,20–26.

28–29 Und … liebenswert]

Vgl. oben CV20,4 – 5.

34–35 Wenn … lieben]

Vgl. Mt 5,44.

42 Bis … Wahrheit]

Sir 4,28. Mit einem Hinweis, für den Glauben nötigenfalls sogar den Tod in Kauf nehmen zu wollen, enden auch beide Rezensionen des Briefes an die Apokrisiare (vgl. CV22,8,35 – 41, ACO I,1,1 S. 112,19f.; CPal28,xliv – xlvii, ACO I,5 S. 55,4f. [jeweils Dok. 8]

Die Akten des Konzils von Ephesus 431. Übersetzung, Einleitung, Kommentar

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