CV5 (Dok. 24): Nestorius’ zweiter Brief an Kyrill

Inhalt: Nestorius wirft Kyrill vor, die Aussagen des Nizänums missverstanden zu haben, und bekräftigt anhand zahlreicher biblischer Zitate die Position, dass Maria richtigerweise lediglich als Christus­gebärerin bezeichnet werden dürfe.

Edition: Collectio Vaticana 5, ACO I,1,1 S. 29,4–32,23; ältere Edd.: Labbé/Cossart (1671–1672), Bd. 3 Sp. 322–327; Coleti (1728–1734), Bd. 3 Sp. 872–878; Mansi, Bd. 4 Sp. 892–1000; PG 77, Sp. 49–57; Loofs, Nestoriana S. 173–180

Verzeichnisnummern: CPG 5669

Verfasser: Nestorius von Konstantinopel

Datierung: Juni 430

Lat. Übersetzungen: (1) Collectio Veronensis 15, ACO I,2 S. 41–43; (2) Collectio Casinensis 7, ACO I,3 S. 23–26; (3) Collectio Palatina 25, ACO I,3 S. 46–49; (4) Gesta Constantinopolitana, ACO IV,1 S. 150–154

Literatur: Price/Graumann (2020), S. 120–127

​(7) Überall in der Heiligen Schrift, wenn sie den Heilsplan des Herrn erwähnt,
​werden uns Geburt und Leid nicht als zur Gottheit, sondern als zur Menschheit
​Christi gehörig überliefert, so dass die Heilige Jungfrau der genauesten Anrede nach
​Christusgebärerin, nicht Gottesgebärerin genannt wird. Höre, wie die Evangelien dies
​ausrufen: „Buch“, heißt es, „der Abstammung Jesu Christi, des Sohnes Davids, des
​​ Sohnes Abrahams.“
Es ist offensichtlich, dass der Gott-Logos nicht der Sohn Davids
​ist. Vernimm auch, wenn’s beliebt, ein anderes Zeugnis: „Jakob aber zeugte Joseph,
​den Mann Marias, aus der Jesus, der Christus genannt wird, geboren wurde.“
Betrach­‐
​te wiederum eine andere Äußerung, die uns bezeugt: „Die Geburt Jesu Christi verlief
​aber folgendermaßen: Denn als seine Mutter Maria mit Joseph verlobt war, zeigte es
​sich, dass sie schwanger war vom Heiligen Geist.“
Wer glaubt wohl, dass die Gottheit
​des Einziggeborenen eine Schöpfung des Geistes ist? Warum ist es nötig, noch zu
​sagen: „Die Mutter Jesu war dort“, oder wiederum: „mit Maria, der Mutter Jesu“, und:
​„Was in ihr gewachsen ist, stammt vom Heiligen Geist“, und: „Nimm das Kind und
​seine Mutter und fliehe nach Ägypten“,
und: „über seinen Sohn, der dem Fleisch nach
​aus dem Stamm Davids entstanden ist“,
und im Hinblick auf das Leiden dann: „Indem
​Gott seinen eigenen Sohn in Gleichförmigkeit mit sündigem Fleisch und um der
​Sünde willen sandte, verurteilte er im Fleisch die Sünde“,
und wiederum: „Christus
​starb für unsere Sünden“,
und: „Als Christus im Fleische litt“, und: „Das ist“, nicht
​meine Gottheit, sondern „mein Leib, der für euch gebrochen wird“?

​Und weil unzählige andere Äußerungen das Geschlecht der Menschen dazu aufru­‐
​fen, die Gottheit des Sohnes nicht für neu oder aufnahmefähig für Leid zu halten,
​sondern das mit der Natur der Gottheit verbundene Fleisch (deshalb nennt sich
​Christus selbst sowohl Herr Davids als auch [dessen] Sohn: „Was“, sagt er nämlich,
​„glaubt ihr über den Christus? Wessen Sohn ist er? Sie sagen zu ihm: [Der Sohn] des
​David. Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Wie kann David ihn unter dem Einfluss
​des Geistes demnach Herr nennen, wenn er sagt:
Der Herr sagte meinem Herrn:
​Setze dich zu meiner Rechten?“,
als sei er dem Fleisch nach in jeder Hinsicht Davids
​Sohn, der Gottheit nach jedoch Herr), ist es richtig und der evangelischen Über­‐
​lieferung angemessen zu bekennen, dass der Leib also ein Tempel der Gottheit des
​Sohnes ist, ein Tempel, der [mit ihr] in einer hervorragenden und göttlichen Verbin­‐
​dung geeint ist, so dass die göttliche Natur sich das zu ihm Gehörende zu eigen
​macht. Dem Begriff der Aneignung aber auch die Eigenheiten des verbundenen Flei­‐
​​ sches aufzubürden, die Geburt, das Leiden und das Sterben meine ich, ist, mein Bru­‐
​der, entweder Ausdruck irrender, den Hellenen entsprechender Denkweise oder einer,
​die an der Krankheit des geistesgestörten Apolinarios und Arius und der übrigen Hä­‐
​resien leidet, eher aber etwas noch Schwerwiegenderes als jene Dinge.
Denn es ist
​unumgänglich, dass jene, die durch den Begriff der Aneignung fehlgeleitet werden,
​den Gott-Logos wegen der Aneignung auch mit der Ernährung durch Milch assozi­‐
​ieren, ihn an allmählichem Wachstum und der Verzagtheit im Moment des Leidens
​teilhaben und Hilfe durch Engel
bedürfen lassen. Und ich verschweige die Be­‐
​schneidung,
das Opfer, den Schweiß und den Hunger, was im Fleisch, da es unseret­‐
​wegen geschieht, als ihm anhaftend verehrungswürdig ist. Wenn diese Dinge jedoch
​für die Gottheit angenommen werden, sind sie auch falsch und verdienen für uns als
​Ankläger gerechte Verurteilung.

7 | 5–6 Buch … Abrahams]

Mt 1,1.

7 | 7–8 Jakob … wurde]

Mt 1,16.

7 | 9–11 Die … Geist]

Mt 1,18, wobei allerdings die dem Haupt­satz vorangehende Wendung πρὶν ἢ συνελθεῖν fehlt, mit der eine Vaterschaft Josephs noch einmal aus­drücklich ausgeschlossen wird.

7 | 13 Die … dort]

Joh 2,1.

7 | 13 mit … Jesu‌²]

Apg 1,14.

7 | 14 Was … Geist]

Mt 1,20.

7 | 14–15 Nimm … Ägypten]

Mt 2,13.

7 | 15–16 über … ist]

Röm 1,3.

7 | 16–18 Indem … Sünde‌²]

Röm 8,3.

7 | 18–19 Christus … Sünden]

1 Kor 15,3.

7 | 19 Als … litt]

1 Petr 4,1.

7 | 19–20 Das … wird]

1 Kor 11,24.

7 | 24–28 Was … Rechten]

Mt 22,42–44.

7 | 27–28 Der … Rechten]

Ps 109(110),1.

7 | 33–37 Dem … Dinge]

Vgl. CV4,4,10 – CV4,5,16, ACO I,1,1 S. 27,12–28,2 (Dok.23). Das hier zur Sprache Gebrachte ist im Grunde die zentrale Kritik des Nestorius an der von Kyrill in seinem vorangehenden Brief ausgebreiteten Christologie. Unter ihr lassen sich die drei zuvor genannten Aspekte, nämlich der Vorwurf, dass Kyrill einen a) leidensfähigen, b) neu erschaffenen und c) auferstandenen Logos pos­tu­liere (vgl. oben CV5,2,9 – 13 mit Anm. und CV5,6,9 – 11), subsumieren. Kyrill hatte versucht zu betonen, dass sich der Logos zwar durch seine Einung mit dem Leib die Leidensfähigkeit, die fleischliche Geburt und die Auferstehung angeeignet habe, sie ihm aber nicht seiner eigenen Natur nach, nicht κατὰ φύσιν angehörten (vgl. CV4,5,1 – 3, ACO I,1,1 S. 27,6–8; CV4,5,1 – 3, S. 27,15f.; CV4,5,10 – 11, S. 27,22). Eben diese Ausprägung der ‚Aneignung‘ erkennt Nestorius, wie er hier zu verstehen gibt, nicht an.

7 | 39 der‌² … Milch]

Vgl. Lk 11,27.

7 | 40 allmählichem Wachstum]

Vgl. Lk 2,40. 52.

7 | 40 der … Leidens]

Vgl. z.B. Hebr 5,7.

7 | 41 Hilfe … Engel]

Vgl. Lk 22,43.

7 | 41–42 Be­schneidung]

Vgl. Lk 2,21.

7 | 42 Opfer]

Vgl. Lk 2,22–24.

7 | 42 Schweiß]

Vgl. Lk 22,44.

7 | 42 Hunger]

Vgl. z.B. Mt 4,2.

Die Akten des Konzils von Ephesus 431. Übersetzung, Einleitung, Kommentar

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