CV150 (Dok. 40): Kyrills Rede an die Herrinnen

Inhalt: Kyrill richtet sich in seinem Schreiben an die von ihm als ‚Kaiserinnen‘ angesprochenen Adres­satinnen, um diese in ihrem rechten Glauben zu bestärken. Sein wesentliches Ziel ist es darzulegen, dass Jesus Christus in jeder Beziehung göttlich und niemals bloß ein gewöhnlicher Mensch ist. Zu diesem Zweck führt er zunächst eine Reihe von Aussagen früherer Theologen an, die seine Auffassung bestärken, dann einen ganzen Katalog von Zitaten aus dem Neuen Testament. Letzteren fügt er je­weils einen kleinen Kommentar hinzu, mit dem der gerade in Rede stehende Aspekt der Gottheit Christi bewiesen werden soll.

Edition: Collectio Vaticana 150, ACO I,1,5 S. 62,3–118,38; ältere Edd.: PG 76, Sp. 1201–1336; Pusey (1965 [= 1868–1877]), Bd. 7 S. 154–262

Verzeichnisnummern: CPG 5219

Verfasser: Kyrill von Alexandria

Datierung: 430

Lat. Übersetzungen:  –

Literatur: Graumann (2002a), S. 323–333; van Loon (2009), S. 433–454

​(8) Doch der euch innewohnende Scharfsinn erkennt ja wohl in vollem Umfang,
​dass die dahin gehende Rede trunken ist und zum Hässlichen hinwankt, ja sich sogar
​schon zu äußerster Gottlosigkeit fortneigt. Ich glaube aber, dass ihr, wenn ihr euch
​mit seinem göttlichen Geheimnis beschäftigt, mit dem scharfen Auge des Verstandes
​jene im Blick habt, die mitreißen wollen und ihren eigenen Worten eine fromme
​​ Maske umlegen, die bei ihnen allerdings schärfer als jeder Speer sind. ‚Sie verleugnen‘
​nämlich, sofern es darauf ankommt, im Sinne der Wahrheit zu sprechen, zwar ‚den
​Herrn, der sie losgekauft hat‘,
also Christus. Da sie aber den Kummer und gewiss auch
​den bewundernswerten Eifer jener fürchten, die gewohnt sind, fromm zu sein, be­‐
​kennen sie, dass der von der heiligen Jungfrau Geborene auch Gott, Herr und Sohn
​Gottes ist. Und wenn einer der Einfältigen die von ihnen geäußerten Worte aufneh­‐
​men wird, wird er wahrscheinlich glauben, dass sie richtige und angemessene Dinge
​sagen, die auch nicht von den Lehren der Wahrheit abweichen. Wenn sich aber jemand
​entscheiden sollte, sie durch Nachforschungen zu entkräften und das Gesagte sorgfäl­‐
​tig zu prüfen, wird er es nicht zuwege bringen, [das] einfach zu gestalten. ‚Es gibt‘
​nämlich zwar ‚viele Götter und viele Herrn‘ ‚im Himmel und auf der Erde‘, wie uns
​auch der selige Paulus schreibt, „für uns jedoch einen Gott, den Vater, aus dem alles ist
​und wir auf ihn hin, und einen Herrn Jesus Christus, durch den alles ist und wir durch
​ihn.“
Wenn wir indes den Namen Jesus Christus verwenden, bezeichnen wir [damit]
​den aus dem Vater [gezeugten] Logos, der in menschlicher Gestalt erschienen ist und
​den Stand nicht nach Art einer Gnade und als von außen hinzugeführt inne hat,
​sondern das in Wahrheit ist, was man glaubt, dass er sei. Da er nämlich auch ohne
​Fleisch von Natur aus Gott war, ist er auch im Fleisch Gott geblieben. Und da er auch
​vor dem Fleisch Sohn war, ist er Sohn geblieben, auch als er Fleisch geworden war.
​Und da er wahrhaftig Herr des Alls war, zeigt er sich in dieser Herrlichkeit auch, als er
​in die Menschheit gekommen ist.

​Wenn sie also sagen, dass der von der heiligen Jungfrau Geborene, also der aus
​Gott, dem Vater, der Natur nach mit dem Fleisch geeinte Logos wahrhaftiger Gott ist,
​weswegen scheuen sie sich zu bekennen, dass die heilige Jungfrau Gottesgebärerin ist?

​Doch sie haben den Vorsatz, sich zu verstellen und zu sagen, dass er gewiss Gott und
​Herr sei und mit dem Vater zusammen throne. Allerdings denken sie in Wahrheit
​nicht so, sondern meinen, dass der Ruhm der Sohnschaft und Herrschaft dem aus der
​heiligen Jungfrau als gewöhnlichen Menschen wie wir Geborenen nach Art einer Gna­‐
​de und auf Grundlage einer Weiterentwicklung gegeben worden ist.

8 | 6–8 Sie … hat]

Vgl. 2 Petr 2,1.

8 | 15–19 Es … ihn]

Vgl. 1 Kor 8,5f.

8 | 27–29 Wenn … ist]

Kyrill variiert hier die in seinen Augen offenbar entscheidende Frage, die er schon in seinem Brief an die Mönche stellte (vgl. CV1,4,2 – 4, ACO I,1,1 S. 11,28f. [Dok. 5]).

8 | 32–34 sondern … ist]

Kyrill scheint hiermit auf Aussagen, wie sie sich z.B. in Loofs, Nestoriana S. 235,6–236,2 (= CV166,III,4,1 – 9, ACO I,1,6 S. 68,9–14 = CV60,XVII, ACO I,1,2 S. 50,2–11) finden, anzuspielen, diese aber dabei polemisch so zu verzerren, dass er sie in die Nähe eines Adoptianismus rückt.

Die Akten des Konzils von Ephesus 431. Übersetzung, Einleitung, Kommentar

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