(8) Doch der euch innewohnende Scharfsinn erkennt ja wohl in vollem Umfang,
dass die dahin gehende Rede trunken ist und zum Hässlichen hinwankt, ja sich sogar
schon zu äußerster Gottlosigkeit fortneigt. Ich glaube aber, dass ihr, wenn ihr euch
mit seinem göttlichen Geheimnis beschäftigt, mit dem scharfen Auge des Verstandes
jene im Blick habt, die mitreißen wollen und ihren eigenen Worten eine fromme
Maske umlegen, die bei ihnen allerdings schärfer als jeder Speer sind. ‚Sie verleugnen‘
nämlich, sofern es darauf ankommt, im Sinne der Wahrheit zu sprechen, zwar ‚den
Herrn, der sie losgekauft hat‘, also Christus. Da sie aber den Kummer und gewiss auch
den bewundernswerten Eifer jener fürchten, die gewohnt sind, fromm zu sein, be‐
kennen sie, dass der von der heiligen Jungfrau Geborene auch Gott, Herr und Sohn
Gottes ist. Und wenn einer der Einfältigen die von ihnen geäußerten Worte aufneh‐
men wird, wird er wahrscheinlich glauben, dass sie richtige und angemessene Dinge
sagen, die auch nicht von den Lehren der Wahrheit abweichen. Wenn sich aber jemand
entscheiden sollte, sie durch Nachforschungen zu entkräften und das Gesagte sorgfäl‐
tig zu prüfen, wird er es nicht zuwege bringen, [das] einfach zu gestalten. ‚Es gibt‘
nämlich zwar ‚viele Götter und viele Herrn‘ ‚im Himmel und auf der Erde‘, wie uns
auch der selige Paulus schreibt, „für uns jedoch einen Gott, den Vater, aus dem alles ist
und wir auf ihn hin, und einen Herrn Jesus Christus, durch den alles ist und wir durch
ihn.“ Wenn wir indes den Namen Jesus Christus verwenden, bezeichnen wir [damit]
den aus dem Vater [gezeugten] Logos, der in menschlicher Gestalt erschienen ist und
den Stand nicht nach Art einer Gnade und als von außen hinzugeführt inne hat,
sondern das in Wahrheit ist, was man glaubt, dass er sei. Da er nämlich auch ohne
Fleisch von Natur aus Gott war, ist er auch im Fleisch Gott geblieben. Und da er auch
vor dem Fleisch Sohn war, ist er Sohn geblieben, auch als er Fleisch geworden war.
Und da er wahrhaftig Herr des Alls war, zeigt er sich in dieser Herrlichkeit auch, als er
in die Menschheit gekommen ist.
Wenn sie also sagen, dass der von der heiligen Jungfrau Geborene, also der aus
Gott, dem Vater, der Natur nach mit dem Fleisch geeinte Logos wahrhaftiger Gott ist,
weswegen scheuen sie sich zu bekennen, dass die heilige Jungfrau Gottesgebärerin ist?
Doch sie haben den Vorsatz, sich zu verstellen und zu sagen, dass er gewiss Gott und
Herr sei und mit dem Vater zusammen throne. Allerdings denken sie in Wahrheit
nicht so, sondern meinen, dass der Ruhm der Sohnschaft und Herrschaft dem aus der
heiligen Jungfrau als gewöhnlichen Menschen wie wir Geborenen nach Art einer Gna‐
de und auf Grundlage einer Weiterentwicklung gegeben worden ist.