CV22: Kyrills Brief an die Apokrisiare in Konstantinopel

Inhalt: Kyrill reagiert auf ein Schreiben, das ihm seine Apokrisiare zugesandt haben, um ihm von den aktuellen Entwicklungen in Konstantinopel zu berichten und ihm angesichts dessen mögliche Maßnahmen zu unterbreiten. Der Angeschriebene bezieht zu den Vor­würfen Stellung, die in der Kaiserstadt von seinen Gegnern gegen ihn vorgebracht werden, und gibt seinen Botschaftern Anweisungen, wie im Weiteren zu verfahren sei.

Edition: Collectio Vaticana 22, ACO I,1,1 S. 110,3–112,20; ältere Edd.: Labbé/Cossart (1671–1672), Bd. 3 Sp. 331–338; Coleti (1728–1734), Bd. 3 Sp. 882–888; Mansi, Bd. 4 Sp. 1004–1008; PG 77, Sp. 64–69

Verzeichnisnummern: CPG 5309

Verfasser: Kyrill von Alexandria

Datierung: 429

Lat. Übersetzungen: Eine weitere, zum Teil deutlich abweichende Rezension des Briefes findet sich als Teil des ‚Commonitoriums‘ des Marius Mercator in lat. Übersetzung in der Collectio Palati­na (CPal28, ACO I,5 S. 52–55). Diese wird hier im Folgenden, wo es aufgrund der Differenz nötig erscheint, im Kommentar als Parallele angeführt und im letzten Kapitel in synoptischer Darstellung präsentiert.

Literatur: Price/Graumann (2020), S. 104–108

(8: CV22) Das Bittschreiben, welches
von euch abgesandt worden ist, auf dass es
dem Kaiser übergeben werden soll – nicht
ohne unsere Einwilligung –, habe ich emp­
fangen und gelesen. Da es aber heftige An­
griffe gegen den dort, den Bruder oder wie
ich ihn nennen soll, enthielt, habe ich es
vorerst zurückgehalten, damit er nicht zu
uns kommen und sagen kann: ‚Ihr habt
mich vor dem Kaiser als Häretiker ange­
klagt.‘ Wir haben aber ein anderes Schrei­
ben aufsetzen lassen,
in welchem wir uns
auch unter Verweis auf die Natur der
Feindschaft sein Urteil verbitten und for­
dern, den Fall, wenn jene überhaupt antre­
ten, anderen Vorsitzenden zu übertragen.

Lest das Schreiben also und übergebt es,
wenn die Lage es erfordert! Und wenn ihr
seht, dass er weiterhin Nachstellungen be­
treibt und wirklich auf jede Weise jeden,
der den Blick gegen uns gerichtet hat, in
Bewegung setzt, schreibt unverzüglich! Ich
werde dann eine Auswahl treffen und bei
der ersten Gelegenheit fromme und ver­
ständige Männer, sowohl Bischöfe als auch
Mönche, entsenden. Keinesfalls nämlich
„werde ich“, wie geschrieben steht, „mei­
nen Augen Schlaf gönnen, meinen Liedern
ein Dämmern und meinen Schläfen Ruhe“,

bis dass ich den Kampf für die Rettung
aller entschieden habe. Vernehmt also mei­
nen Entschluss und steht euren Mann!
Bald schon werden nämlich von meiner Sei­
te aus Schriften verfasst werden, die nötig
sind, gerichtet, an wen es nötig ist.
Es ist
schließlich mein Vorsatz, mich um des
Glaubens an Christus willen abzumühen
und alles Erdenkliche, was für bedrohlich
gehalten wird, in Prüfungen auf mich
zu
nehmen, bis dass ich sogar den mir süßen
Tod deswegen in Kauf nehme.


(8: CPal28) Aber auch mein Vorsatz
muss deutlich gemacht werden, und des­
halb schreibe ich erneut. Denn ich bin sehr
friedfertig und ganz unerfahren in Streite­
reien, aber ich wünsche, dass in den Kir­
chen Ruhe herrsche und die Bischöfe im
Frieden Gottes leben und an uns denken
möchten, weil der Retter aller, der Herr
Jesus Christus, sagt: „Meinen Frieden gebe
ich euch, meinen Frieden überlasse ich
euch.“
Wenn es also etwas gibt, wodurch
die Stabilität gefestigt werden könnte (denn
ich sage wahrhaftig, dass ich, so wie ich mir
Heilung wünsche und [mir wünsche,] dass
ich bei Gott als rechtschaffen gelte, [dies]
so auch für alle Bischöfe [wünsche]), sagt
also bei Unterredungen eben das, dass von
ihrer Seite aus Vieles vorausgegangen ist,
was uns verletzen sollte. Sagt ihm: ‚Der
Friede wird trotzdem gewährt, wenn du
aufhörst, solches zu lehren und zu glau­
ben.‘ Denn wenn der Glaube verletzt wird,
verursacht und steigert dies Feindschaften,
wie man glaubt.
Wenn er aber den rechten
Glauben bekennt, wird völliger und absolut
sicherer Frieden herrschen. Wenn er danach
Verlangen hat, soll er den katholischen Glau­
ben schriftlich bekennen und [dieses Be­
kenntnis] nach Alexandria schicken.
Und
wenn dies [Bekenntnis] aus tiefstem Her­
zen heraus niedergeschrieben wird, bin auch
ich bereit, nach meinen Kräften Entspre­
chendes zu schreiben und eine Schrift
zu veröffentlichen und zu sagen, dass keiner
unserer Mitbischöfe in Sorge sein darf, weil
seine Worte, [so] werden wir sagen, seine
Absicht und seinen offenkundigen Vorsatz
beweisen. Wenn er aber in der Verderbtheit
eitlen Ruhms verharrt und [trotzdem] den
Frieden sucht, ergäbe sich daraus nur, dass
man annehmen würde, auch wir würden
mit ihm übereinstimmen und Frevelhaftes
glauben. Denn für mich besteht der größte
Wunsch darin, mich für den Glauben, der
in Christus ist, zu mühen, [für ihn] zu le­
ben und bis in den Tod zu gehen.

8 | 1–39⁠⁠ Das … mich]

Die lat. Fassung des Briefes bietet einen vollkommen anderen Schluss als die grie­chische, weswegen die Schlusskapitel hier in Synopse präsentiert werden sollen. Während in CV22 von einem Schreiben die Rede ist, welches die Apokrisiare Kyrill zur Begutachtung zugesandt hatten, und in der Reaktion darauf das schon angesprochene Thema eines möglichen Prozesses ge­gen den Alexandriner unter dem Vorsitz von Nestorius (vgl. oben CV22,6,5 – 14) noch einmal auf­genommen wird, wird in CPal28 die ebenfalls im Vorangegangenen schon angesprochene Bereit­schaft Kyrills, Frieden zu schließen, wenn sein Gegner widerrufen sollte (vgl. oben CV22,7,1 – 3), noch einmal betont und ausführlicher formuliert. Für das daraus entstehende Problem hat es bereits verschiedene Lösungsansätze gegeben. So hält Garnier, der Erstherausgeber der Werke des Marius Mercator, den griechischen Schluss für ein dem eigentlichen Brief zunächst lose angefügtes Post­scrip­tum (schedula), welches den ursprünglichen Schluss in der Überlieferung verdrängt habe (vgl. Garnier [1673], Bd. 2 S. 55f. [= PL 48, Sp. 815f.]). Auch Loofs hält den im Griechischen überlieferten Schluss nicht für den ursprünglichen und vermutet in ihm ein separates Schreiben, welches ei­gent­lich vor dem Brief an die Apokrisiare verfasst worden sei (vgl. Loofs [1914], S. 32–41). Schwartz, der im Gegensatz zu Loofs schon den Liber Heraclidis des Nestorius kannte, in welchem dieser den griechischen Schluss des Briefes zitiert (vgl. ebd. S. 154–156), geht hingegen davon aus, dass eben­die­ser auch der ursprüngliche sei. In dem Schluss der lat. Fassung sieht er eine nachträgliche Ab­än­de­rung, welche von den Apokrisiaren angebracht worden sei, um den Verfasser des Briefes in einem günstigeren Licht erscheinen zu lassen, bevor sie das Schriftstück dem in Kon­stantinopel weilenden Marius Mercator zur Übersetzung übergeben hätten (vgl. Schwartz [1928], S. 5 Anm. 2). Vergleicht man die beiden Schlusspartien miteinander, so fällt ins Auge, dass in der Betonung der Bereitschaft, im Kampf um den Glauben notfalls bis zum Äußersten gehen zu wol­len, ihrerseits beide auffällig ähnlich schließen. Diese Beobachtung könnte zusammen mit dem Umstand, dass in beiden Partien auf zuvor schon Erwähntes Bezug genommen wird, auf jeden Fall dafür sprechen, dass wir es hier tatsächlich mit zwei unterschiedlichen Schlüssen zu einem ansonsten im Wesentlichen gleich­lau­ten­den Brief zu tun haben. Die so entstandenen Versionen dürften dann natürlich auch für unter­schied­liche Zwecke bestimmt gewesen sein. Darüber hinaus dürfte aber jegliche Spekulation schwierig werden.

8 | 12–16⁠⁠ in … übertragen]
8 | 27–29⁠⁠ werde … Ruhe]

Ps 131(132),4. Der Vers schließt dort eigentlich mit den Worten: ἕως οὗ εὕρω τόπον τῷ κυρίῳ, σκήνωμα τῷ θεῷ Ιακωβ (bis ich eine Stätte finde für den Herrn, eine Wohnung für den Gott Jakobs).

8 | 33–35⁠⁠ Bald … ist‌¹]

Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, welche Schriften Kyrill mit dieser Äußerung im Blick hat. Nimmt man seine Aussage von oben (vgl. CV22,5,6 – 7) ernst, hatte er zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Briefes noch gar keine Kor­res­pon­denz mit Nestorius. Dann könnte sich die Äußerung u.a. auf jeden Fall auf die anstehende Kontaktaufnahme mit diesem beziehen (vgl. auch Price/Graumann [2020], S. 108 Anm. 50), also seinen ersten Brief an ihn, in welchem im Übrigen ebenso wie hier die Verbreitung des Briefes an die Mönche (CV1 [Dok. 5]) in Konstantinopel thematisiert wird (vgl. CV2,1,3 – 8, ACO I,1,1 S. 23,26–24,3 [Dok. 18]

8 | ix–xi⁠⁠ Meinen … euch]

Joh 14,27.

8 | xix–xxix⁠⁠ Der … schicken]

Vgl. oben den Beginn von Kap. 7.

8 | xxiv–xxix⁠⁠ Wenn … schicken]

Auch in seinem ersten Brief an Nestorius stellt Kyrill ein Einlenken desselben, speziell die Anerkennung des θεοτόκος-Titels, als Bedingung dafür heraus, dass wieder Friede in der Kirche einkehren könne (vgl. CV2,3,14 – 19, ACO I,1,1 S. 24,24–27 [Dok. 18]). Anders als hier gibt er jedoch dort keine Form vor, wie dies zu geschehen hab

Die Akten des Konzils von Ephesus 431. Übersetzung, Einleitung, Kommentar

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